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Liebe Freundinnen und Freunde der Lyrischen Post,

zum gestrigen Gedicht von Hans Harbeck schrieb mir H. U. Gosmann: »Brot und Spiele sind ein beliebtes Mittel, dem Volk Sand in die Augen zu streuen. Heute perfekt inszeniert, inklusive der Wiedergeburt einer tot geglaubten Sprache von einer Partei, die einem Angst für Deutschland macht. Ich betrachte mit Sorge das Auferstehen alter Geister mit neuen Medien. Sie klopfen – Tik Tok – verstohlen-freundlich an die lebendige Tür der Demokratie, um sie dann aus den Angeln zu heben.«

Dazu passt, was ich in einer Autoritarismus-Studie der Bundeszentrale für politische Bildung gelesen habe: »Ende 2025 wurden mehr Länder autokratisch regiert als demokratisch – gemessen an der Bevölkerung lebten sogar rund drei Viertel der Menschen in autokratischen Regimen. Das Qualitätsniveau vieler Demokratien hat sich in den vergangenen 25 Jahren merklich verringert, weil Grundrechte eingeschränkt, demokratische Rechenschaftspflichten ausgehöhlt oder die Gewaltenteilung geschwächt wurden.«
Allerdings heißt es auch, dass Abgesänge auf die Demokratie zu früh kämen, »viele Demokratien erweisen sich als erstaunlich resilient«, wobei man die Gefahren auch nicht unterschätzen dürfe, »viele Länder werden auf absehbare Zeit bestenfalls fragile Demokratien bleiben«.

Wir alle müssen ganz genau aufpassen, dass es nicht soweit kommt!

Heute meldet sich aus dem Jahr 1933 zum zweiten Mal eine ganz besondere Dichterin: Mascha Kaléko!

Viel Vergnügen und noch mehr Erkenntnisse
Ihr Matthias Kröner

P. S. Da Demokratie 1 an den Schulen in Mühlhausen eine Rolle spielt, und zwar täglich, außer freitags, machen wir eine kleine Pause:
Am Montag, den 21. September, geht es dann für alle mit Tag 12 weiter.

Mascha Kaléko
Mannequins

                              Inserat:
                              »Mannequin 42er Figur, leichte,
                              angenehme Arbeit, gesucht …«

Nur lächeln und schmeicheln den endlosen Tag …
Das macht schon müde.
– Was man uns immer versprechen mag:
Wir bleiben solide.
Wir prunken in Seide vom »dernier cri«
Und wissen: gehören wird sie uns nie.
Das bleibt uns verschlossen.
Wir tragen die Fähnchen der »Inventur«
Und sagen zu Dämchen mit Speckfigur:
»Gnäfrau, … wie angegossen!«

Wir leben am Tage von Stullen und Tee.
Denn das ist billig.
Manch einer spendiert uns ein feines Souper,
… Ist man nur willig.
Was nützt schon der Fummel aus Crêpe Satin –
Du bleibst, was du bist: Nur ein Mannequin.
Da gibt’s nichts zu lachen.
Wir rechnen, ob’s Geld noch bis Ultimo langt,
Und müssen trotzdem, weil’s die Kundschaft verlangt,
Das sorglose Püppchen machen.

Die Beine, die sind uns Betriebskapital
Und Referenzen.
Gehalt: so hoch wie die Hüfte schmal.
Logische Konsequenzen …
Bedingung: stets vollschlank, diskret und – lieb.
(Denn das ist der Firma Geschäftsprinzip.)
– Und wird mal ein Wort nicht gewogen,
Dann sei nicht gleich prüde und schrei nicht gleich »Nee!«
Das gehört doch nun mal zum Geschäftsrenommée
Und ist im Gehalt einbezogen.


Worum geht’s?

Die neuen Freiheiten der ersten Demokratie Deutschlands hatten auch ihren Preis – besonders für junge Frauen in einer nach wie vor patriarchalen Gesellschaft! Auch wenn sich viele einen „Bubikopf“ schneiden ließen und Hosen trugen, hatten sie oftmals nur zwei Berufe zur Auswahl: Sie konnten Stenotypistinnen werden (wie Lili Grün, siehe Tag 5) oder Mannequins.
Obgleich damals die großen Modeschauen mit Laufsteg wichtig wurden, spielt Kaléko auf die weniger bekannten Modells an, die in den exklusiven Modeläden den „Dämchen mit Speckfigur“ die neuesten Frühjahrs- und Sommerkollektionen zeigten – und ihnen schmeicheln mussten … Sie lebten prekär „von Stullen und Tee“, trugen Kleider, die sie sich nie würden selbst leisten können, und ihre Schönheit stand über allem, weshalb sie sich (un-)zweifelhafte Angebote anhören und manchmal auch darauf eingehen mussten. „Manch einer spendiert uns ein feines Souper, / … Ist man nur willig.“
Kaléko beschreibt ziemlich exakt die reale Situation! Oftmals verdienten die Mannequins nur 100 bis höchstens 150 Reichsmark brutto, schon die Miete kostete rund 50 Reichsmark, einfache Lebensmittel ebenfalls so viel … Darüber hinaus waren die Modells meist nur im Frühjahr und Herbst festangestellt und galten als etwas liederlich. „Was nützt schon der Fummel aus Crêpe Satin – / Du bleibst, was du bist: Nur ein Mannequin.“
Sicher, es gab auch Stars unter ihnen, zum Beispiel „Sonja“ alias Albertine Gimpel, die auf öffentlichen Modeschauen die moderne Massenkonfektion vorstellte – doch insgesamt war es wie heute: Nur 5 Prozent der Modells konnten und können gut bis luxuriös von ihrem Beruf leben.
Augenhöhe geht anders! Auch davon berichtet das lässig erzählte und melancholisch stimmende Gedicht von Kaléko.
 

Was hat das alles mit uns zu tun?

Mascha Kalékos Gedicht ist klassische Literatur der Arbeitswelt, allerdings nicht – wie so oft – aus Männersicht, sondern aus der weiblichen Perspektive. Es geht um soziale Ohnmacht und um Sexismus, der sich eigentlich erst 2017 (!) mit der MeToo-Bewegung und dem Weinstein-Skandal richtig bemerkbar gemacht hat; vorher wurde er eher verlacht, auch von bekannten Entertainern wie Harald Schmidt.
Sexuelle Belästigung und sexueller (Macht-)Missbrauch wurden daraufhin auch in Deutschland dem bekannten Star-Regisseur Dieter Wedel oder dem (Ex-)BILD-Chefredakteur Julian Reichelt vorgeworfen; über Letzteren hat Benjamin von Stuckrad-Barre einen außergewöhnlich guten Roman geschrieben!
Letztlich ist es wie immer: Ungleichheit sorgt für Machtmissbrauch. Und noch immer haben wir laut Statistischem Bundesamt einen Gender Pay Gap von 6 bis 17 Prozent in Deutschland – weshalb mehr Frauen als Männer „rechnen, ob’s Geld noch bis Ultimo langt“.
 

Was geschah mit Kaléko?

Den Aufstieg der Migrantin Mascha Kaléko zu einer absolut anerkannten Schriftstellerin während der Weimarer Republik habe ich schon an Tag 8 beschrieben; auch ihre Auswanderung nach New York. Doch wie ging es mit ihr weiter?
Nach 18 Jahren im erzwungenen amerikanischen Exil, wo sie als Werbetexterin für BHs und Parfüm und als Managerin ihres Mannes (der nicht gut Englisch sprach) arbeiten musste, geschah tatsächlich – ein Wunder! Ernst Rowohlt druckte „Das lyrische Stenogrammheft“ neu, und der Band wurde 1956 ein Kassenschlager.
Nach zwei Wochen stand ihr Buch auf der Bestsellerliste, Mascha Kaléko trat vor vollen Sälen in Deutschland auf, Radiosender interviewten sie und 40.000 Exemplare verkauften sich. Immer noch fremdelte Kaléko mit Berlin, doch genoss es, endlich wieder als Lyrikerin zu arbeiten. „Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee. / Mein erster Versband in den Bücherläden. / Die Freunde vom Romanischen Café. / Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!“
Ihre Vorahnung sollte sich leider bewahrheiten … Nach einem gerade einmal dreijährigen Comeback war die Autorin für den Fontane-Preis von 1960 vorgesehen. Das Problem an der Sache: Die Lyrikerin, die zur Nazizeit von der Gestapo heimgesucht, von der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und ins Exil vertrieben wurde, sollte ausgerechnet von Hans Egon Holthusen die anerkannte Auszeichnung entgegennehmen. Holthusen war ein überzeugter SS-Standartenführer gewesen, der in seinen Schriften mehrfach den deutschen Angriffskrieg vorbehaltlos unterstützt hatte. Sie lehnte 1959 ab – und war wieder erledigt in Deutschland!
Im selben Jahr wanderte die Schriftstellerin auf Wunsch ihres Mannes erneut aus. Diesmal ging es nach Israel, wo Mascha nie heimisch wurde. Ihre Wohnung lag fast schon sinnbildlich im siebten Stock eines Jerusalemer Hochhauses, in dem der Lift nicht funktionierte …
Das schlimmste Ereignis ihres Lebens sollte aber noch kommen. Am 28. Juli 1968 starb ihr geliebter und einziger Sohn Steven (früher Evjatar) Vinaver, der sich bereits am Broadway und im US-amerikanischen Fernsehen einen Namen als Komponist und Regisseur gemacht hatte, mit 31 Jahren an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. „Und hätt’ ich hundert Söhne: Keiner wäre / Mir je ein Trost für diesen, diesen einen! / Sagt ich: hundert? Ja, ich sagte hundert / Und meinte hundert. Und ich habe keinen.“
1973 starb dann auch noch ihr Ehemann. Im Herbst 1974 hatte Mascha Kaléko eine letzte Lesung in der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin, bevor sie auf dem Rückweg nach Jerusalem in Zürich am 21. Januar 1975 an Magenkrebs verstarb; schmerzstillende Medikamente verweigerte sie, da sie bis zuletzt geistig klar sein wollte.
Dass ausgerechnet der nicht immer frauenfreundliche Großkritiker Marcel Reich-Ranicki maßgeblich dazu beigetragen hat, Mascha Kaléko wiederzuentdecken, ist wohl eine Ironie des Schicksals. Inzwischen steht die herausragende Lyrikerin in all den einschlägigen Literaturlexika, die so lange Zeit nichts von ihr wissen wollten …


Bibliografische Angaben

aus: Mascha Kaléko, Das lyrische Stenogrammheft (1933, Rowohlt Verlag, Hamburg), dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München, 2015

Nutzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags: www.dtv.de


Zuletzt

Ab heute wird „Mannequins“ bis zum 23. September im ASB Familienzentrum „Am Forstberg“ auf einem großen Plakat in der Forstbergstraße 36 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.


Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Förderverein „Geschwister-Scholl-Haus“ E.V. und der Stadt Mühlhausen.
Es wird unterstützt durch die lokale Partnerschaft für Demokratie UHK, dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend mit ihrem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sowie dem Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familien mit ihrem Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk bunt“.

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