Lili Grün
Lied der Stenotypistin
Wir müssen den ganzen Tag tippen.
Mit brennenden Augen und schmerzendem Rücken
Bestätigen wir Ihr Wertes vom Soundsovielten,
Das wir mit bestem Dank erhielten.
Wir haben nur eine Sehnsucht: auszurasten
Von des Tages ewigen Lärmen und Hasten,
Denn unser armes Hirn ist müd und leer,
Wir haben keine bessere Sehnsucht mehr.
Unsere großen, mutigen Gedanken
Sind gestorben in des Alltags Schranken,
Unserer Herzen große Zärtlichkeit
Ist gestorben in des Alltags Leid.
Auch wir würden verstehn,
Kostbare Kleider zu tragen.
Auch wir würden verstehn,
Zärtliche Worte zu sagen.
Doch wir erlauben uns Ihnen mitzuteilen,
Daß wir uns hiermit beeilen,
Ihnen das gewünschte Offert vorzulegen
Um mit Ihrem Vertreter nochmalige Rücksprache zu pflegen …
Manchmal packt uns eine Sehnsucht
Nach der großen Leidenschaft,
Doch das kommt ja nicht in Frage,
Denn wir sind: eine perfekte Kraft.
Manchmal packt uns eine Sehnsucht
Nach kindischen Freuden, dumm und toll,
Doch wir erwarten Ihr Geschätztes
Und zeichnen ergebenst hochachtungsvoll …
Worum geht’s?
Es wird Zeit für eine Frau – und das Alltagsleben in der Weimarer Republik, aus Frauensicht! Dabei steht für mich Lili Grüns Gedicht unter Genieverdacht. Der damals 28-Jährigen gelingt es grandios, eine Einheit von Inhalt und Form zu finden. Ich habe das Gefühl, beim Lesen direkt dabei zu sein: beim Tippen und beim Abschweifen der Gedanken. Grün verschränkt die wiederkehrenden Gruß-, Dankes- und Bürofloskeln, die es heute (in leicht abgewandelter Form) immer noch gibt, mit dem ständigen Wunsch, die enervierende Arbeit und auch körperlich anstrengende Arbeit, die mehr nach Fließband als nach Sinnhaftigkeit klingt, zu verlassen. Doch nicht einmal die Abschweifungen hin zu einer „Sehnsucht / Nach der großen Leidenschaft“ wollen gelingen – und das lyrische Ich fällt jäh zurück in des „Alltags Schranken“ und ergibt sich der formelhaften Pseudosprache, die es nur anderen erlaubt, „[k]ostbare Kleider zu tragen“ oder „[z]ärtliche Worte zu sagen“.
Im gut lesbaren Sachbuchschmöker von Florian Illies, „Die Liebe in Zeiten des Hasses“, heißt es: Die Frauen „brauchen die Männer […] nicht mehr, um von A nach B zu kommen, denn sie fahren ihre Autos selbst und posieren auf den Kühlerhauben und genießen den Fahrtwind besonders, wenn nur ein kleines Hündchen neben ihnen sitzt“.
Das ist fein formuliert, stimmt so aber leider nicht! Es sind die großen Ausnahmen, die dieses Leben führen, Marlene Dietrich beispielsweise oder Elisabeth Bergner, eine jüdische Ikone des Berliner Theaters und eine Pionierin des Stumm- und Tonfilms. Lili Grün hat zeitlebens versucht, als Schauspielerin eine bedeutende Rolle einzunehmen. Es ist ihr nicht geglückt – aber als Schriftstellerin wurde sie 2007 wiederentdeckt; immerhin!
Noch ein Wort zu den Stenotypistinnen der ersten Demokratie Deutschlands: Die als „Tippmamsells“ bezeichneten jungen Frauen sehnten sich nach dem Leben der berühmten Schriftstellerinnen, Tänzerinnen und Künstlerinnen, der Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen und der großbürgerlichen oder adeligen Damen, die sie aus den Massenmedien kannten, doch hatten so gut wie keine Chance, deren Lebensstil nachzueifern. Selbst wenn sie einen Beruf hatten – was 1932, als dieses Gedicht herauskam, alles andere als selbstverständlich war, die Arbeitslosigkeit befand sich auf einem historischen Höhepunkt, 6 Millionen fehlte der Broterwerb –, war ihre Selbstständigkeit stark eingeschränkt und ihre Bürotätigkeit meist eine „Durchgangsstation zur Ehe“, wie Annette Koch in ihrem Artikel „Die weiblichen Angestellten in der Weimarer Literatur“ schreibt.
Was hat das alles mit uns zu tun?
Wir sollten ganz genau schauen, womit wir unsere Zeit verbringen. Ich weiß, es gibt Situationen, in denen das nicht möglich ist, finanziell, persönlich oder aus ganz anderen Gründen! Doch wer ausschließlich (!) einer Arbeit nachgeht, um Geld zu verdienen, obwohl er diesen Beruf verabscheut, macht nicht nur das Tor für psychische Erkrankungen wie eine Depression oder einem Burn-out auf. Man verbittert auch – und beginnt, anderen die Schuld an seinem Elend zu geben.
Manchmal glaube ich, dass die fortwährende und immer neu geschürte Migrationsfeindlichkeit und die generell ganz große Unzufriedenheit genau daher rührt.
Natürlich braucht es auch den Mut, etwas neu anzufangen, und nicht immer klappt es oder man hat sich anderes erwartet. Doch wer nicht einmal ansatzweise die Dinge tut, die einem selbst als bedeutend und wichtig erscheinen, wird – wie das lyrische Ich in Lili Grüns Gedicht – verzweifeln. Ein gutes Leben hat immer auch mit Selbstverantwortung und Entscheidungsfreude zu tun. Mit Ängsten und deren Überwindung. Anders gesagt: Leider nimmt es uns niemand ab, für uns selbst einzustehen. Doch außerhalb der Komfortzone liegt auch – das Glück.
Was geschah mit Lili Grün?
Falls Sie noch nie von Lili Grün gehört haben, befinden Sie sich in bester Gesellschaft. Ich kannte ihre Sprachkraft – und sie als Poetin – bis zu diesem Projekt auch nicht. Dabei darf sie sich unbedingt in die illustre Reihe mit herausragender Weimarer-Republik-Lyrik stellen – und kann auch mit dem Können von Mascha Kaléko oder Erich Kästner mithalten!
Von vorne: Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 in Wien geboren, als Tochter des Schnurrbartbinden-Fabrikanten und Ladenbesitzers Ármin Grün und seiner Frau Regina, geborene Goldstein. Schon als 17-Jährige war sie Vollwaise und hatte nur einen Berufswunsch: Schauspielerin zu werden. Beinahe sinnbildlich für ihre Karriere ist ihre erste Rolle. Sie spielte in 60 Aufführungen im „Peer Gynt“ (von Henrik Ibsen) den Troll!
Lili Grün versuchte in Berlin ihr Glück – und trat auf Kabarettbühnen auf, seit 1929 brachte sie ihre Gedichte in Zeitungen und Zeitschriften unter, lebte ärmlich bis arm, steckte sich mit Tuberkulose an, reiste zurück nach Wien und hatte endlich Erfolg, mit dem Roman „Herz über Bord“, in dem sie ihr Scheitern und ihre (sexuelle) Selbstbestimmung schildert, „ein sehr beachtenswerter Beitrag zur Zeitgeschichte der jungen Generation“ (Neues Wiener Tagblatt, 26. April 1933).
Der sich zuspitzende Austrofaschismus zwang sie und ihren Lebensgefährten Ernst Spitz, einem Journalisten und Dramatiker, schon im Oktober 1933 nach Prag und schließlich nach Paris zu reisen. 1935 kehrte die Schriftstellerin schwerkrank nach Wien zurück, veröffentlichte noch zwei Romane („Loni in der Kleinstadt“, „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit …“) – und musste die Entrechtung und Verfolgung österreichischer Jüdinnen und Juden am eigenen Leib erfahren. Aufgrund ihrer höchst angeschlagenen Gesundheit und großer Geldsorgen konnte Lili Grün nicht mehr fliehen. Sie musste mehrere Zwangsumsiedelungen über sich ergehen lassen und wurde am 27. Mai 1942 mit 980 anderen im Transport Nr. 23 nach Minsk deportiert. Noch am Tag ihrer Ankunft, am 1. Juni 1942, wurde Lili Grün im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet.
Als sehr späte Rache kamen ihre Gedichte gesammelt 2014 unter dem schönen Titel „Mädchenhimmel!“ im AvivA Verlag heraus – ich kann sie nur wärmstens empfehlen!
Bibliografische Angaben
Erstveröffentlichung in: Das Leben (Leipzig), 9. Jahrgang, Nr. 9, März 1932
Zuletzt
Ab heute wird das „Lied der Stenotypistin“ bis zum 23. September in der Buchhandlung mit Café C. Strecker auf einem großen Plakat in der Straße Bei der Marienkirche 12 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.