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Liebe Freundinnen und Freunde der Lyrischen Post,

zu Tag 7 schrieb mir eine Leserin: »Mit Ihrem heutigen Gedicht von Tucholsky haben Sie mir eine ganz besondere Freude gemacht, denn es ist just das Gedicht, das für mich als Jugendliche den Anstoß gegeben hat, mich mit der Poesie intensiver zu beschäftigen! Es hat mich mit seinem Witz, seiner Sprachgewandtheit und seiner schelmischen Mahnung so sehr angesprochen, dass ich spürte, wie sehr die Lyrik Kopf, Herz und Gefühl gleichermaßen bewegt!«

Es ist immer wieder erstaunlich, was gerade Gedichte auslösen! So ähnlich ging es mir auch als Jugendlicher. Bei mir war das poetische Erweckungserlebnis Rilkes »Panther«.

Ein zweite Leserin ergänzte: »Nun melde ich mich doch einmal kurz, auch wenn ich bisher – und eigentlich immer noch – keine richtigen Worte dafür finde, welche Empfindungen ich bei ihren letzten Gedichten und gedanklichen Beiträgen hatte. Ich musste teilweise das Lesen unterbrechen, weil ich weinen musste … Ich bin voller Hochachtung für Sie, Ihre Gedanken, Ihre Recherche und überhaupt!«

Dieselbe Leserin regte an, dass ich doch auch mein Gedicht »Sage« noch einmal verlinken soll. Das mache ich hiermit gerne!

Sie müssen übrigens keine (!) Sorge haben, dass ich Sie ungefragt zitiere. Ich kläre das immer im Vorfeld ab. Schreiben Sie mir also völlig frei Ihre Meinung zur Lyrik und Interpretation des Tages!

Und nun kommen wir zu einer Autorin, die die Anhänger des »Lieblinge«-Podcasts« seit Jahren verehren. Heute meldet sich aus dem Jahr 1931 eine sehr lange unterschätzte und unterschlagene Schriftstellerin: Mascha Kaléko!

Viel Vergnügen und noch mehr Erkenntnisse
Ihr Matthias Kröner

Mascha Kaléko
Chor der Kriegerwaisen

Wir sind die Kinder der ›Eisernen Zeit‹,
Gefüttert mit Kohlrübensuppen.
Wir haben genug von Krieg und von Streit
Und den feldgrauen Aufstehpuppen!

Kind sein, das haben wir niemals gekannt.
Uns sang nur der Hunger in Schlaf …
Weil Vater im Schützengraben stand,
Zu fallen für Kaiser und Vaterland,
Wenns grade ihn mal traf.

Unser Kinderschreck war der Heldentod,
Unser Märchenbuch: Extrablätter;
Unsre Leckerbissen: das Karten-Brot;
Kanonen – unsre Götter.

Die Schulfibel prangte so stolz schwarzweißrot,
Draus lernten wir: Tod den Franzosen!
Wir übten: ›Man sagt nicht Adieu; nur Grüßgott‹
Und schwärmten für Stahlbadehosen.

Und kam eines Tages ein Telegramm,
Wenn der Vater schon lang nicht geschrieben –
Dann zog sich die Mutter das Schwarze an,
Und wir waren kriegshinterblieben.

Wir lernten Geschichte und Revolution
Am eigenen Leibe erfahren.
Wir schwitzten für Gelder der Inflation,
Die später Klosettpapier waren.

Wir spüren noch heute auf Schritt und Tritt
Jener ›Herrlichen Zeiten‹ Vermächtnis.
– Und spielt ihr Soldaten, wir machen nicht mit;
Denn wir haben ein gutes Gedächtnis!


Worum geht’s?

Haben wir es hier mit einer poetischen Autobiografie zu tun – wie bei so vielen Gedichten von Mascha Kaléko? Nicht ganz, denn ihr Vater war nicht im Krieg und starb deshalb auch nicht den „Heldentod“. Das macht dieses Gedicht natürlich nicht schlechter; im Gegenteil.
Das lyrische Ich nimmt bewusst den kindlichen Blickwinkel ein, um die kriegerisch-monarchistische Ideologie der Zeit zu entlarven. Vieles, was die 23-jährige Emigrantin beschreibt – ihre Familie stammte aus Galizien, das heute zu Polen und zur Ukraine gehört –, war (stahl-)harte Wirklichkeit.
Es gab den Steck- oder Kohlrübenwinter von 1916 auf 1917 während des Ersten Weltkrieges: aufgrund einer Kartoffelmissernte, einer britischen Seeblockade, die den Import von Lebensmitteln sehr schwierig machte, einer harschen Kälte von minus 20 Grad und einer überforderten Landwirtschaft, da viele Männer an der Front standen. Darauf spielt auch der „Leckerbissen: das Karten-Brot“ an, da Nahrung stark rationalisiert war und es Lebensmittelkarten gegeben hat. (Die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht noch an die Lebensmittelmarken während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach erinnern.)
Kaléko schreibt – alles gereimt und mit einer lakonisch-wütenden Ironie – sogar von den „Extrablättern“, die die Eilmeldungen der Kriegszeit waren und ausschließlich die offizielle Sichtweise der Obersten Heeresleitung widergaben … Sie spricht von der Inflation, von der täglichen Propaganda gegen Frankreich – und nicht zuletzt davon, wie es sich anfühlt, „Geschichte und Revolution / Am eigenen Leibe [zu] erfahren“.
Das alles ist aus Hinterbliebenen-Sicht geschildert, denn es gab mehr als eine Million (!) Kriegerwaisen in Deutschland, die vor allem ihre Väter im Ersten Weltkrieg verloren haben – und sich hier wie der Chor eines griechischen Trauerspiels gebärden und mich an die jüdische Klezmer-Musik erinnern: Eine tiefe Traurigkeit und ein Lebensmut des Trotzdem stehen ganz nah beieinander.
1956 fügte Mascha Kaléko, die vor den Nazis nach New York fliehen musste, diesem Gedicht den Untertitel „geschrieben zwischen zwei Kriegen“ hinzu. 1931, als sie diese sieben existenziell-bedrohlichen Strophen im Simplicissimus veröffentlichte, gab sie sich noch optimistischer – und kämpferisch. „Und spielt ihr Soldaten, wir machen nicht mit; / Denn wir haben ein gutes Gedächtnis!“
Wie wir wissen, kam alles anders, und es liegt an uns, zu entscheiden, ob wir jemals wieder in eine solche Situation geraten wollen.

Was hat das alles mit uns zu tun?

Mit dem Tod vieler Zeitzeugen – eine ganz wichtige und so versöhnliche Zeitzeugin war Margot Friedländer, aber auch Marcel Reich-Ranicki oder Helmut Schmidt spielten eine entscheidende Rolle! –, scheint es, dass viele Menschen komplett vergessen haben, dass es eine der schrecklichsten Diktaturen überhaupt in Deutschland gegeben hat.
Heute werden wieder Hakenkreuze von Kindern gemalt. Eine gesichert rechtsextreme Partei hat die höchste Zustimmung in Sachsen-Anhalt. Wie gehen wir damit um?
Ich musste an den Briefwechsel zwischen dem Pazifisten Albert Einstein und dem Urvater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, denken. In „Warum Krieg?“ vertritt Einstein die These, dass die Bevölkerung in der Regel nicht kriegslüstern sei, aber durch Manipulation und Massenmobilisierung dazu gebracht würde.
Mascha Kaléko schreibt vor fast 100 Jahren genau darüber!

Was geschah mit Kaléko?

Mascha Kaléko gilt heute als die beliebteste Lyrikerin Deutschlands – mit 500.000 (!) verkauften Exemplaren, Tendenz steigend – doch was wissen wir eigentlich über sie?
Fangen wir ganz von vorne an! Schon 1914 – mit 7 Jahren – musste die uneheliche Tochter russisch-jüdischer Emigranten fliehen, aus Chrzanów, um Pogromen und russischen Truppen zu entgehen. Über Frankfurt am Main und Marburg gelangte die Familie ins Berliner Scheunenviertel. Während des gesamten Ersten Weltkriegs war ihr Vater als „feindlicher Ausländer“ in einem Lager interniert – weshalb sie sich beinahe wie eine Kriegerwaise fühlte …
Mascha spürte bereits als Kind, dass sie ihre „ostjüdische Herkunft“ verschleiern und Berlinern lernen musste. So lebte sich die junge Frau in der Hauptstadt ein, begann eine Bürolehre und empfand die Metropole als ihre Heimat. Mit 21 heiratete sie den Philologen und Hebräischlehrer Dr. Saul Kaléko, doch noch wichtiger waren ihre ersten Veröffentlichungen in einer renommierten Kulturzeitschrift.
Ab 1929 ging es dann steil bergauf! Im Romanischen Café, einem angesagten Künstlerlokal, in dem auch Else Lasker-Schüler, Tucholsky, Ringelnatz und Kästner verkehrten, galt sie als Star – zumal ihr Charme legendär war. Mit ihren riesigen Augen, den gesträubten schwarzen Haaren und ihrer zierlichen Gestalt – Mascha Kaléko war 1,52 m klein – machte sie ihren Dichterkollegen keine Angst. Die Herren fanden sie witzig und umschwärmten sie, und Hermann Hesse lobte ihre Selbstironie und Schnoddrigkeit.
Im Nachhinein scheint es absurd, dass Mascha Kalékos erstes Buch kurz vor der Nazidiktatur herauskam, im Januar 1933! Bis 1935, als ihr zweiter Band aus der Druckerpresse heraus beschlagnahmt und verboten wurden, verkaufte die „Großstadtlerche“ (Kaléko über Kaléko) unglaubliche 100.000 Exemplare.
Bevor sie das zweite Mal emigrieren musste – 1938, kurz vor der Reichspogromnacht, als jüdische Pässe ungültig wurden! –, ließ sie sich von ihrem Mann scheiden, um Chemjo Vinaver zu heiraten, einen Musiker, der sieben Jahre um sie geworben hatte. Seit Dezember 1936 hatten die zwei ein gemeinsames Kind: Evjatar Vinaver.
Die Zeit im New Yorker Exil sollte eine sehr traurige für Mascha Kaléko werden. Natürlich schrieb sie weiter – was sonst sollen Schriftstellerinnen und Schriftsteller tun? – und bekam Zuspruch: von Thomas Mann, von Albert Einstein. Doch ihre Werke wurden nicht mehr (oder nur in Ausnahmefällen) im Exil gedruckt. Die arbeitslose Lyrikerin sehnte sich nach Deutschland, nach Berlin! In ihrem berühmten und berührenden „Emigrantenmonolog“ heißt es: „Mir ist zuweilen so als ob / Das Herz in mir zerbrach. / Ich habe manchmal Heimweh. / Ich weiß nur nicht, wonach.“


Bibliografische Angaben

aus: Mascha Kaléko, Das lyrische Stenogrammheft (1956, Rowohlt Verlag, Hamburg), dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München, 2015
Erstveröffentlichung in: Simplicissimus (München), 35. Jahrgang, Nr. 53, 30. März 1931

Nutzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags: www.dtv.de


Zuletzt

Ab heute wird „Chor der Kriegerwaisen“ bis zum 23. September in der Stadtbibliothek „Jakobikirche“ auf einem großen Plakat in der Straße Sankt Jakobi 1 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.


Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Förderverein „Geschwister-Scholl-Haus“ E.V. und der Stadt Mühlhausen.
Es wird unterstützt durch die lokale Partnerschaft für Demokratie UHK, dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend mit ihrem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sowie dem Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familien mit ihrem Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk bunt“.

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