Die wundersame Meerschweinchenvermehrung
Ich weiß noch, dass ich „Die Gift-Party“ dazu hörte, eine Kassette von TKKG, die ich damals noch lieber mochte als Die drei ???. Meine Eltern kaufen etwas in einem Gartencenter, und ich saß im Kinderzimmer am Schreibtisch, sortierte Briefmarken und hörte dem Kriminalfall zu.
Es ging um eine Gartenparty, auf der Tim, Karl, Klößchen und Gabi einen Anschlag verhindern mussten. Ich lauschte gebannt und drehte mich um zum Meerschweinchenkäfig, der in einer Ecke des Zimmers stand. Es erschien mir verdächtig ruhig darin. Sonst quietschen die beiden Tiere oder machten lustige Tippelgeräusche oder nagten am Brötchen oder stritten um ein Salatblatt.
Jetzt erstarrte ich. Ich musste die Augen schließen und wieder öffnen. Da lagen auf einmal vier Wuschelwesen! Zwei große und zwei winzige Fellbälle.
Ein Wunder, dachte ich, ist geschehen.
Ich war neun, hatte gerade meine Erstkommunion erhalten und saß einfach nur da und sah mir diese schöne Bescherung an. Zwei frisch geborene Meerschweinchen lagen vor mir. Sie hatten die Augen geschlossen. Ganz vorsichtig streichelte ich sie mit dem Zeigefinger.
Die TKKG-Folge lief im Hintergrund.
Als ich den Schlüssel im Schloss hörte, rannte ich meinen Eltern entgegen. Sie hatten einen Dampfdruckreiniger gekauft und schleppten ihn in den Hausflur.
„Die Meerschweinchen haben Kinder bekommen!“, rief ich. „Wir haben jetzt vier!“
„Was?“, rief meine Mutter und legte die Stirn in Falten. „Niemals!“
Auch mein Vater wollte das Wunder sehen, und so standen wir zu dritt vor dem Käfig und überlegten, wie das geschehen konnte.
Die Meerschweinchen hatte ich vor zwei Monaten über die Eltern eines Schulfreundes vermittelt bekommen. Die Tiere hießen Tipsy und Jenny, waren zuvor bei Amerikanern gewesen, was ihnen etwas Geheimnisvolles und irgendwie auch Verruchtes gab. Amerikaner waren in den vergehenden 80ern immer noch unsere Retter und der Grund dafür, weshalb Deutschlands Wirtschaft brummte. Gleichzeitig waren Amerikaner nicht gut gelitten, weil man so abhängig war von ihnen.
Wir beratschlagten, was zu tun sei.
Mein Vater: „Wir bringen sie um.“
Meine Mutter und ich protestierten lautstark.
Mein Vater: „Das haben die Bauern mit überschüssigen Tieren immer gemacht.“
„Vielleicht können wir sie einfach behalten?“, schlug ich vor.
Meine Eltern verneinten.
„Töten werden wir sie ganz sicher nicht!“, sagte ich.
Wir ließen das Thema ruhen, denn vor lauter Staunen und Wundern, waren die Zeiger der Uhr vorangeschritten, und seinerzeit war es so, dass meine Eltern und ich am Samstagabend zur Kirche gingen. Vorabendgottesdienst.
Wir saßen in einer der Reihen auf der rechten Seite, und ich dachte über diese Unerklärlichkeit nach, während der Pfarrer predigte.
Ich erinnerte mich, dass eines der Meerschweinchen in den letzten Wochen immer dicker geworden war. Es hatte eine richtige Wölbung zu beiden Seiten des Bauchs bekommen. Ich war in Sorge gewesen und hatte in meinem Meerschweinchenbuch nachgesehen, wo etwas von falschem Futter stand. Also setzte ich Tipsy auf Diät und baute einen Parcours im Garten, wo die trächtige Meerschweinfrau über Rampen galoppieren und Sport machen sollte. Um abzunehmen!
So richtig gehorchte sie nicht und fand immer noch genug Futter, und ich bat Gott um Verzeihung, weil ich eine Hochschwangere zu Höchstleistungen treiben wollte. In meinem Buch stand eben nichts von Kindern!
Am nächsten Tag erschien die Mutter des Schulfreundes, und auch sie schüttelte den Kopf und sagte etwas von Zwitter und „wahrscheinlich haben die Amerikaner die Meerschweinchen mit anderen Meerschweinchen zusammengetan!“
Das erschien logisch, und noch heute finde ich, dass der Titel des Hörspiels passt. „gift“ heißt im amerikanischen Englisch „Geschenk“, und ich erlebte eine regelrechte Geschenke-Party in meinem Zimmer. Ein Meerschweinchen-Wunder zwei Meter von mir entfernt, das selbst in der Nachbarschaft seine Runde machte. Einer der Nachbarn nahm dann auch wirklich die jungen Tiere, und vom Töten sprach niemand mehr.
Ich wurde älter, wechselte zu den drei ???, und fünfzehn Jahre später erzählte ich einem Kommilitonen auf der Erlanger Bergkirchweih diese Geschichte. Er sah mich verdutzt an und sprach: „TKKG? Da gibt’s doch den starken Typen. Tim! Einer ist ein hagerer Schlauer mit Brille. Karl! Der dritte heißt Klößchen und isst wahnsinnig viel Schokolade. Und dann noch Gabi, ein blondes Mädchen, das in den männlichen und zupackenden Tim verliebt ist. Die drei ???“, erklärte er mir, „sind aus anderem Holz geschnitzt. Mit denen kann man eine Revolution anzetteln! TKKG stützen nur das konservative Klischee.“
Ich gab ihm recht. Doch es half alles nichts. Nur mit TKKG hatte ich dieses Wunder erlebt, und es wird wirklich Zeit, dass ich mir „Die Gift-Party“ wieder anhöre.
Vielleicht entdecke ich dann erneut irgendeine Unglaublichkeit – zwei Meter entfernt von mir in diesem verrückten und wilden Leben.