Hinter der Fensterscheibe eines Schnellrestaurants in Aschaffenburg
Es bleibt das beste Spiel, das ich je gesehen habe. Doch bevor es soweit war, musste ich erst einmal nach Aschaffenburg mit dem Auto. Ich war einigermaßen spät dran und nahm die Kurven mit 160, weil die Autobahn längst entvölkert war, da alle, wirklich alle, das Spiel ansahen. Heim-WM Sommermärchen.
Ich zügelte meinen Fuß auf dem Gaspedal und kam gerade noch rechtzeitig bei einem guten Freund an, einem Lehrer im Referendariat, der mit anderen Lehrerinnen und Lehrern in Ausbildung irgendwo feierte, wo wir eine große Leinwand und etwas zu trinken hatten, außerdem einen Hof, auf dem wir später herumtanzten vor Freude.
Zwischendurch bekam ich kleine Nachrichten, SMS aus Berlin, von einer Frau, mit der ich noch heute zusammen bin. Damals hatten wir uns noch nie gesehen und waren uns nur über mehrere Ecken per Mail begegnet, weil sie in einem Verlag arbeitete und ich in einem Verlag arbeitete und man seinerzeit gerne Bücher tauschte.
Die Stimmung war aufgepeitscht, alle waren am Feiern, und ich war vorverliebt und die Deutschen spielten, als ginge es um ihr Leben. Sie hatten Bock und Respekt, beides gleichzeitig, und überall gab es Partys und niemand, wirklich niemand wäre auf die Idee gekommen, dass gerade mal zwanzig Jahre später eine rechtspopulistische Partei die höchste Zustimmung erhalten könnte.
Wir verkrafteten das Gegentor und bejubelten den Ausgleichstreffer so laut wie noch nie. Den Ausgleichstreffer durch Klose gegen Argentinien im Viertelfinale dieser unglaublichen und unerklärlichen Weltmeisterschaft, die eine Euphorie versprühte wie kein großes Event zuvor.
Auf dem Höhepunkt ging ich – ich, der ich gar nichts von Fahnen halte, noch weniger von Patridiotie – mit geschminkten Wangen, auf denen die Deutschlandfarben zu sehen waren, zum Public Viewing auf den Nürnberger Hauptmarkt, wo ich mit einem Kroaten, einem Fan der Elfenbeinküste und einem Ukrainer anstieß und jeder auf seine Fahnen und Farben und seine Mannschaft stolz war. Ein Stolzsein, das nichts, aber auch gar nichts Ausgrenzendes hatte. Ein Stolzsein an sich, ohne Wertung und mit der Umarmung anderer.
Am Nachmittag des Viertelfinales nach einem dramatischen Elfmeterschießen, vor dem Olli Kahn, der so gerne der Stammtorwart dieser WM gewesen wäre, seinem vermeintlichen Konkurrenten Mut zusprach und auf die Schulter klopfte, zogen wir durch die Aschaffenburger Altstadt und feierten ausgelassen weiter.
Als mein guter Freund eine Kneipe aufsuchte, um zu pinkeln, wartete ich vor der Fensterscheibe eines Schnellrestaurants, in der die Nachrichten liefen, die Tagesschau. Ich hörte nicht, was gesprochen wurde, doch ich sah, dass an diesem Tag, ausgerechnet da, Robert Gernhardt verstorben war und einen Nachruf bekam.
Es riss mich, da ich seine Gedichte liebte und es einfach nicht fassen konnte, dass ausgerechnet er, der so gerne Fußball schaute, an diesem Tag diese Welt verlassen musste.
Es war merkwürdig und seltsam, und ich rief mir einige seiner Gedichte ins Gedächtnis – zumindest hoffe ich, dass ich das wirklich tat –, denn er hätte es verdient, während mein Kumpel wenige Minuten später zurückkehrte, mir eine Kippe anbot und ein lässiges Bild von mir schoss, dass ich per SMS weiterleitete an die Frau, die ebenfalls mitgefiebert hatte und mit der ich später, viel später zwei Kinder haben sollte.
Vom Portugalspiel kriegten die Frau und ich, als wir uns endlich trafen, nicht mehr viel mit, dafür so viel von uns in einer kleinen Wohnung in Friedrichshain in Berlin, als das Spiel um den dritten Platz so herrlich an uns vorüberzog und wir immer wieder das Ergebnis vergaßen, weil es von dem, was wir uns zu geben hatten, längst überlagert war.
Manchmal denke ich noch an die Fensterscheibe und den Fernseher dahinter und die eine Nachricht, die mich nachdenklich stimmte, weil das Leben so ist, wie es ist. Wir leben es und wir erleben es. Immer gleichzeitig. Wir verstehen es und wir begreifen nichts. Immer gleichzeitig.
Wir sind ja auch immer überall. In der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft – und vermutlich das einzige Wesen der Welt, das dazu fähig ist, die schreckliche Schönheit des Leben zu sehen und anzuerkennen.
Immer gleichzeitig.