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Liebe Freundinnen und Freunde der Lyrischen Post,

»vor gut 5 Jahrzehnten betrachtete meine Schulklasse ein Plakat«, schrieb mir gestern Brigitte Schwarz. »›Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch‹ – von Bertold Brecht. Als 17-Jährige hielt ich es damals nicht für möglich, dass da noch viel herauskommen würde. Welch großer Irrtum! 
Danke dafür, dass Sie die großartigen Mahner und Mahnerinnen durch ihre Poesie zu uns sprechen lassen.«

Mein bester und ältester Freund Marc Jandl ergänzte zum gestrigen »Natur«-Gedicht von Joseph Roth: »Populisten und Rechtsextreme erhöhen das Problem der Zuwanderung und negieren das Problem des Klimawandels. Bei Migranten hat man einen ›Schuldigen‹ direkt vor sich und kann eine einfache Lösung anbieten, die Ausweisung. Bei anderen Problemen wie dem Klimawandel trägt man selbst eine Mitschuld, deshalb leugnet man lieber alles. Somit gibt es kein Thema, das Veränderungen von den Wählern erfordert.«

Was für ein probates (und kurzsichtiges) Mittel zur Macht! Um ein ganz anderes Machtmittel geht es jetzt.
Heute meldet sich aus dem Jahr 1929 erneut ein Autor, den ich vor diesem Projekt noch nicht kannte: Hans Harbeck!

Viel Vergnügen und noch mehr Erkenntnisse
Ihr Matthias Kröner

Hans Harbeck
Kino, Kino über alles

Was früher panem et circenses hieß,
des Volkes Tummelplatz und Paradies,
das wird heut’ projiziert auf eine Leinwand.
Was sich ereignet rings im weiten All,
entfaltet sich als Dokument und Fall
vor aller Augen, stumm und ohne Einwand.

Das Boxerdenkmal, festlich eingeweiht,
das Dichtergrab, verweht und eingeschneit,
das Schiff, das eine Beute ward der Wellen,
der Inbegriff all dessen, was hinie-
den gilt als Sensation und dernier cri
man sieht’s, husch, husch, an sich vorüberschnellen.

Dazu das Drama, welches wild und bunt
aufwühlt die bange Seele bis zum Grund
und wechselt zwischen Jammer und Erhebung.
Die Stars wetteifern mittels Mienenspiel
und tragen dadurch ungewöhnlich viel
bei zu des Stoffes Wirkung und Belebung.

Und dann Grotesken, die mit froher Wucht
den Geist der Schwere treiben in die Flucht
und an der Hand von Unsinn immer siegen.
Die Keaton, Chaplin, Schünzel, Pat und Lloyd,
Lachpillen, in das Publikum gestreut,
bringen das älteste Gebälk zum Biegen.

Drum überall und über alles preist
man in der Welt den Film, der sich erweist
als Kunstwerk und als Stahlbad für die Nerven.
Das Lichtbild ist der Technik schönster Spaß.
Es rollt das Band. In Kino veritas.
Das Leben läßt sich auf die Fläche werfen.


Worum geht’s?

Dieses Gedicht des wenig bekannten Hans Harbeck steht wie kein zweites für die Dauerpräsens des Kinos in der ersten Demokratie Deutschlands. Dabei verspottet der Autor, der mit Ringelnatz befreundet war und 1944 von den Nationalsozialisten in „Schutzhaft“ genommen wurde, die erste Strophe des Deutschlandliedes. Bei Harbeck steht das neue Massenmedium „über allem“ und kann tatsächlich auch alles abbilden – vom weiten Weltall bis zu Schiffskatastrophen!
Weil die Filme ein „Stahlbad für die Nerven“ versprechen und als „Lachpille“ zur Verfügung stehen, dient die Leinwand der Machterhaltung – getreu dem „Brot und Spiele“-Gebot der Antike. Anders gesagt, das Kino übernimmt in der Weimarer Republik die Funktion, die jahrhundertelang das Theater hatte! Ab Mitte der 1920er-Jahre gingen 2 Millionen Menschen täglich (!) in eines der 5.000 Kinos, die bis 1930 entstanden. 1929 weihte man in Hamburg sogar das größte Lichtspielhaus in ganz Europa ein; es hatte 2.667 Plätze.
Nur wer ganz genau liest, bemerkt eine zweite Kritik, die Harbeck der neuen Manipulationsmaschine ankreidet. Die gezeigten Streifen spielen sich nicht nur „vor aller Augen“ ab, sie werden auch als ewige Wahrheit („In Kino veritas“) hingenommen, „stumm und ohne Einwand“. Dabei wird ihr Hang zu Sensationen („dernier cri“) und zu Schnelligkeit („husch, husch“) – und ganz besonders ihre Oberflächlichkeit – angesprochen. „Das Leben läßt sich auf die Fläche werfen.“
Ganz klar, dass auch die Nazis dieses neue Massenmedium nutzen mussten! Noch vor der Machtübernahme brachten sie Tonfilmwagen in entlegene Dörfer und Regionen. Die NSDAP lud vormittags Schulklassen ein und organisierte spektakuläre öffentliche Freilichtaufführungen auf Markt- oder Sportplätzen – mit bis zu 350 Quadratmeter großen Leinwänden –, um ihre Werbefilme zu zeigen (z. B. „Im Zeichen des Hakenkreuzes“). In diesen „Dokumentarfilmen“ spielten sich die NSDAP und ihr „Führer“ als hochheilige Retter über das Chaos der Zeit und der Regierung auf – und gestalteten Hitler als Marke, die die Sehnsüchte und Ängste des Volkes erkennt und schnelle Lösungen für alle bereithält …
Mmh, irgendwie erinnert mich diese Vorgehensweise an etwas …


Was hat das alles mit uns zu tun?

Wenn man bei diesem Gedicht das Wort „Kino“ durch das Wort „Handy“ ersetzt, ist eigentlich alles gesagt!
Längst tragen wir unsere portable Leinwand mit uns herum, wischen uns von einem Dopaminschub zum nächsten, lesen so viel wie nie, aber so tief wie wenig, haben Schwierigkeiten, uns zu konzentrieren und zu entspannen und nehmen die Sozialen Medien mit ihrer nachgewiesenen Manipulationsstrategie und ihren zahllosen Fake-News-Kampagnen als gegeben hin. Wir akzeptieren sogar, dass Tech-Giganten wie Peter Thiel oder Elon Musk die Demokratie aushöhlen und eine gesellschaftliche Spaltung herbeiführen.
Im Gegensatz zu den Großkinos der ersten Demokratie Deutschlands können wir uns dabei alle einbringen, indem wir posten und kommentieren – was die Spaltung noch mehr vertieft und wie ein Brandbeschleuniger gegen Zusammenhalt und Gemeinschaft wirkt.
Laut der Bitkom Research 2026 können sich 87 Prozent ein Leben ohne ihr Handy nicht mehr vorstellen. 67 Prozent möchten auch beim Wandern im Wald oder im Urlaub am Strand flächendeckend Mobilfunkempfang haben. Sind wir alle in einer Massenpsychose oder einer Dopaminsucht gefangen?
Hans Harbeck würde dem vermutlich zustimmen …


Was geschah mit Hans Harbeck?

Hans Harbeck ist heute einer der unbekannten Schriftsteller der Weimarer Republik – obwohl er bis 1968 gelebt hat!
Er kam in der kleinen Hafenstadt Eckernförde am 15. Dezember 1887 auf die Welt. Wenig später, nämlich 1896, drehte die Französin Alice Guy-Blaché den ersten fiktionalen Film überhaupt; der einminütige Streifen handelt von einer Fee, die aus Kohlköpfen und Rosen drei Neugeborene hervorzaubert.
Harbeck interessierte sich allerdings nicht fürs Filmemachen (auch wenn man das vielleicht wegen seines Gedichtes denken könnte). Er wurde Dramaturg und Schauspieler bei den Hamburger Kammerspielen (1918), freier Schriftsteller (ab 1922) und schließlich Kabarettist, der im Curiohaus in Hamburg spielte.
Dieses Jugendstilgebäude an der Rothenbaumchaussee war für seine avantgardistischen Künstlerfeste bekannt, auf denen auch Größen wie Gustaf Gründgens oder Hans Henny Jahnn auftraten. 1934 wurde der Bildhauer und Professor Richard Luksch aus dem Staats- und Hochschuldienst entlassen, weil er – im Programm „Krawall im All“ – Hitler karikiert hatte. Nichts fürchten Diktatoren so sehr, wie wenn über sie gelacht wird …
Im selben Jahr erhielt auch Hans Harbeck ein dauerhaftes Auftrittsverbot. 1944 musste er bis zum Ende der Nazizeit eine Gefängnisstrafe aus politischen Gründen ertragen. „Man ist gewissermaßen eingemauert. / Man lebt in einem Loch aus kalten Stein. / Und wie ein Tier, das sich zusammenkauert, / erduldet man die ungewohnte Pein / und weiß nicht, wieviel Wochen es noch dauert, / und fragt, ob es sich lohnt, ein Mensch zu sein. / Und nachts liegt man gekrümmt im Bett und schauert / vor Forst und schläft für ein paar Stunden ein“, schreibt er in seinen literarisch starken „Versen aus dem Gefängnis“.
Nach ’45 war er Mitbegründer der Hamburger Kleinkunstbühne „Die Wendeltreppe“, zu der auch Heinz Erhardt gehörte. Carl Bay (ebenfalls Mitgründer) schrieb: „Wir fuhren mit einem Holzgasbus, der dem Gemüsemann von Dr. Harbeck gehörte, über die Dörfer und haben für Naturalien getingelt. Von einem Zentner Kartoffeln erhielt Heinz Erhardt 40 Pfund, Lisa Bischof 30, Dr. Harbeck 10, der Chauffeur 10 und ich 10 Pfund.“
Bis zu seinem Tod am 18. Mai 1968 schrieb Harbeck mehrere satirische Gedichtbände (z. B. „Balduin, der Sportler“), übersetzte Dickens und Guy de Maupassant und verfasste einen Erinnerungsband für Joachim Ringelnatz. Sein Vermächtnis ist (neben den „Gefängnisversen“) die Mitbegründung der „Wendeltreppe“, die es sogar ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft: als ältestes literarisches Kabarett Deutschlands.


Bibliografische Angaben

Erstveröffentlichung in: Hier schreibt Berlin. Eine Anthologie von heute, hrsg. von Herbert Günther, Internationale Bibliothek G.m.b.H, Berlin, 1929


Zuletzt

Ab heute wird „Kino, Kino über alles“ bis zum 23. September in der Buchhandlung Hugendubel auf einem großen Plakat im Steinweg 7 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.


Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Förderverein „Geschwister-Scholl-Haus“ E.V. und der Stadt Mühlhausen.
Es wird unterstützt durch die lokale Partnerschaft für Demokratie UHK, dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend mit ihrem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sowie dem Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familien mit ihrem Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk bunt“.

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