Sie können diese E-Mail nicht lesen? Webversion öffnen
Logo Lyrische Post

Liebe Freundinnen und Freunde der Lyrischen Post,

gestern durfte ich mich über eine Mail des österreichischen Liedermachers und Kabarettisten Tom Haydn freuen, der mich vor gut 15 Jahren mehrmals zu seiner »Kleinen Nachtmusik« ins Stadttheater Fürth eingeladen hat. Er wollte einfach nur schreiben, dass er begeistert sei, und ich habe mich an die Zeit von damals erinnert. Danke, Tom!

Auf ein ganz kleines Wort hat ein anderer Leser reagiert: »Im ›Du darfst hoffen‹ höre ich zweierlei: einerseits die Erlaubnis zu hoffen, auch wenn Zweifel bestehen, der Glaube fehlt oder man sich spirituell nicht getragen fühlt. Andererseits aber auch eine behutsame Zusicherung, dass es einen guten Grund für diese Hoffnung gibt. So wie ein Arzt einem Patienten sagt, er dürfe hoffen, in zwei Wochen wieder gesund zu sein. Das ist keine Garantie, entspricht aber seiner Erfahrung. Das ›Dürfen‹ vermittelt damit mehr als die bloße Erlaubnis, sich etwas zu wünschen: Es gibt Grund zur Zuversicht, auch wenn offenbleibt, ob es so kommen wird.«

Die »Gedichte und Geschichten zu Leben und Tod« finden im Rahmen des Festivals der Endlichkeit des Palliativnetzes Travebogen statt – und ich hoffe, Sie finden anregend, was Sie lesen.

Herzliche Grüße
Matthias Kröner

P.S. Im großartigen Verlag dreizehn+13 Gedichte kann ab sofort »Letzte Verse. Gedichte, die begleiten« für 10 Euro bestellt werden (Versand: 12. Oktober). Darin finden Sie meine schönsten Gedichte zu Leben und Tod aus den letzten Jahren plus 13 Klassiker zum Thema.

Liebe Freundinnen und Freunde des guten Wortes, liebe Lyrikfans,

Weltgeschichte

Wir konnten es schlichtweg nicht fassen, dass der Besitzer des kleinen Lebensmittelladens auf Santorini, als meine Freundin und ich einfach nur einige Flaschen Wasser kauften, ständig auf einen Bildschirm links über ihm starrte, uns nur zögernd bediente und dann sogar falsch herausgab. Zu unseren Gunsten. Da wir Studenten waren, sagten wir nichts.
Nur draußen sahen wir uns an, ich mit einem Sechserpack Mineralwasser in der Hand, und mussten ein bisschen lachen, weil die Leute auf dieser kleinen griechischen Insel offenbar Hollywoodfilme immer noch als etwas ganz Besonderes wahrnahmen. Auch andere in diesem Laden hatten den Bildschirm mit den Actionfilm in Schwarz-Weiß angeglotzt.
Wir bezogen unser Quartier, ein schlichtes Ferienzimmer. Nachts um halb vier spielte eine Kapelle, was äußerst seltsam war, und den nächsten Tag verbrachten wir entweder wandernd oder am Strand. Ich weiß es nicht mehr.
Zwei Tage später kamen wir an einem kleinen Kiosk vorbei in diesem winzigen Örtchen auf dieser winzigen Insel, und da war dasselbe Bild in der BILD zu sehen. „Terrorkrieg gegen Amerika“. Wieder lachten wir, doch dieses Mal sah ich zweimal hin, denn die Ähnlichkeit mit dem Hollywoodfilm irritierte mich.
Ich nahm die „Zeitung“ aus dem Drahtgestell – unsere Handys waren noch analog – und überflog, was da stand. „Du“, sagte ich, „da ist doch was passiert.“
Wir kauften die Süddeutsche und die FAZ (die Wochenausgabe der ZEIT hatte es nicht mehr auf die Fähre geschafft) und verzogen uns in unser luftiges Hotelzimmer und lasen, lasen und lasen.
Ich glaube, es war das erste Mal, dass die Weltgeschichte mich richtig streifte. Ich wollte alles über diesen Angriff wissen. Meiner Freundin ging es genauso. Wir fraßen uns durch die Worte und Zeilen und breiteten die Zeitungen auf dem Boden und auf den Betten aus, und ich weiß noch, wie ich mit jedem Artikel schlauer wurde, aber gleichzeitig entfernte sich auch die Lösung. Es war wie mit dieser Funktion, die sich immer mehr an den Nullpunkt schmiegt, ihn aber nie erreicht.
Als wir irgendwann nicht mehr konnten und die Sätze vor unseren Augen verschwammen, auch weil es heiß war, sehr heiß, schliefen wir unter der Dusche miteinander und liefen im Halbschatten des griechischen Nachmittags zu einer Taverne, in der wir ausgiebig aßen.
Wir waren hungrig wie Schakale, und das Meer schwappte heran und tat so, als ob nichts sei, und die Sonne machte auch keinen Mucks und schien weiter, und nur der Sand hob sich gelegentlich leicht, weil ein Wind über die Bucht fuhr – der sich dann wieder legte.
Wir bekamen an diesem Spätnachmittag, den wir mit Hauswein füllten, vier Gänge, die alle aufdringlich nach Zitrone schmeckten. „Als hätte es heute Morgen auf dem Markt günstig Zitronen gegeben“, sagte meine Freundin, und ich musste lachen, und gleichzeitig waren genau diese Zitronen sinnbildlich für uns und alles.
Wir saßen und tranken und redeten und hatten Angst und dann wieder gar nicht und dann wieder dieser Geschmack von Zitrone, und zurück auf dem Zimmer stellten wir fest, dass wir morgen schon abreisen mussten, zwei Tage früher als geplant, weil dieser Nachmittag, der so wichtig gewesen war, so viel gekostet hatte.
Ein dreizehnter September, an dem wir verspätet die Weltgeschichte in uns aufnahmen und vielleicht deshalb zwei Tage Aufschub bekamen, bevor wir uns noch auf der Fährfahrt zum Festland trennten.

Schicken Sie diesen Newsletter jederzeit an gute Freundinnen und Freunde, die Lust auf Literatur haben. Wer die Newsletter bekommen möchte, braucht mir nur eine Mailadresse zu schicken oder kann sich direkt anmelden: www.fairgefischt.de/lyrische-post.html

Alle bisherigen Aussendungen können Sie hier nachlesen!

Impressum – Datenschutzerklärung – Newsletter kündigen

Matthias Kröner - Grüner Weg 44 - 23909 Ratzeburg - Tel.: 0176/32331629