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Liebe Freundinnen und Freunde der Lyrischen Post,

gestern haben mir viele geschrieben – und ich habe mich über jede Nachricht gefreut! Es tut gut, dass wir alle den Rechtsruck nicht einfach hinnehmen und lauter werden und klare Kante zeigen, für die Demokratie, für mehr Mitmenschlichkeit.

Eine Leserin schrieb: »So viel wie zur Zeit wurde noch nie über Sachsen-Anhalt berichtet. Die Bewohner aus allen Gesellschaftsschichten kommen zu Wort. Sehr aufschlussreich!! Mich verblüfft die unfassbare Leichtgläubigkeit vieler unzufriedener, enttäuschter, sich unverstanden fühlender BürgerInnen. Es wird so viel kommuniziert, dass hinterdrein, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen, was erwartbar ist, oder wenn es noch schlimmer kommt, niemand mehr sagen kann, er habe das nicht gewusst, nicht kommen sehen. Bekanntlich auch eine beliebte Entschuldigung nach der Nazi-Zeit.«

Marina Krolla-Bohr fügt hinzu: »Ich musste bei den so eindringlichen, wunderbar verfassten Worten von Tucholsky an die Briefe meines Großvaters von der Front in Stalingrad denken. Ich habe sie noch im Original. Mit großer Beherrschung versuchte er den irrsinnigen und unmenschlichen Alltag in Todesangst kurz und sachlich zu beschreiben. Er ist bald durch einen Schuss gefallen, und die Karte eines Kameraden zum Tod bot den einzig möglichen Trost durch den Hinweis, der Großvater sei direkt tot gewesen. Erstaunlich, dass diese offensichtliche Sinnlosigkeit der Menschenvernichtung scheinbar nicht jedem Intellekt zugänglich ist.«

Zur Sachlichen Romanze gab es mehrfach die Rückmeldung, dass Herman van Veen das Gedicht sehr gekonnt interpretiert habe. Mir gefallen auch die Interpretationen von Udo Lindenberg und Gisela May sehr gut.

GANZ WICHTIG: Da Demokratie 1 an den Schulen in Mühlhausen eine Rolle spielt, und zwar täglich, außer freitags, machen wir eine kleine Pause.
Am Montag, den 7. September, geht es dann für alle mit Tag 4 weiter.

Heute meldet sich aus dem Jahr 1924 einer meiner Lieblingsautoren: Joachim Ringelnatz!

Viel Vergnügen und noch mehr Erkenntnisse
Ihr Matthias Kröner

Joachim Ringelnatz
Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument

Guten Abend, schöne Unbekannte! Es ist nachts halb zehn.
Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?
Wer ich bin? – Sie meinen, wie ich heiße?

Liebes Kind, ich werde Sie belügen,
Denn ich schenke dir drei Pfund.
Denn ich küsse niemals auf den Mund.
Von uns beiden bin ich der Gescheitre.
Doch du darfst mich um drei weitre
Pfund betrügen.

Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
Die Menschen sind.

Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe
Wie bei Peter dem Großen L’honneur. –
Übrigens war ich – (Schenk mir das gelbe
Band!) – in Altona an der Elbe
Schaufensterdekorateur. –

Hast du das Tuten gehört?
Das ist Wilson Line.

Wie? Ich sei angetrunken? O nein, nein! Nein!
Ich bin völlig besoffen und hundsgefährlich geistesgestört.

Aber sechs Pfund sind immer ein Risiko wert.
Wie du mißtrauisch neben mir gehst!
Wart nur, ich erzähle dir schnurrige Sachen.
Ich weiß: Du wirst lachen.
Ich weiß: Daß sie dich auch traurig machen.
Obwohl du sie gar nicht verstehst.

Und auch ich –
Du wirst mir vertrauen, – später, in Hose und Hemd.
Mädchen wie du haben mir immer vertraut.

Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.
Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,
Da wohnt meine Mutter. – Quatsch! Ich bitte dich: Sei recht laut!

Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt. –
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

Das ist nun kein richtiger Scherz.
Ich bin auch nicht richtig froh.
Ich habe auch kein richtiges Herz.
Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.
Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts, irgendwo
Im Muschelkalk.

 

Worum geht’s?

Für die neuen – auch sexuellen – Freiheiten („Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehen?“), die die erste Demokratie Deutschlands bot, steht dieses wilde und ausgelassene Gedicht. Anders gesagt: Im moralisch strengen, stark patriarchalen Kaiserreich wäre es höchstwahrscheinlich der Zensur zum Opfer gefallen.
Doch Ringelnatz belässt es nicht bei einer – vielleicht aus heutiger Sicht – etwas unangenehmen Von-oben-herab-Ansprachen an eine Prostituierte („Liebes Kind“), der er ein bisschen mansplainerisch die Welt erklärt. Sein lyrisches Ich, das oft autobiografisch angelegt ist, schont sich auch selbst nicht. „Ich bin etwas schief ins Leben gebaut. / Wo mir alles rätselvoll ist und fremd“. Hier spricht kein (!) Mann aus der alten Monarchenzeit, mit Pickelhaube und der Sicherheit, alles richtig zu machen – oder gar alles zu wissen. Es geht um ein neues Männerbild, das nach einem Epochenbruch immer nur langsam entstehen kann; Ringelnatz hat keine Scheu, seine Verlorenheit zuzugeben. „Ich bin eine alte Kommode. / Oft mit Tinte oder Rotwein begossen; / Manchmal mit Fußtritten geschlossen.“
Zwischen militärischer Tradition und Drill, dem Kriegstrauma vieler zurückgekehrter Soldaten, einer gesellschaftlichen Moderne, die durch das neue Medium Rundfunk und dem rasanten Zuwuchs in Großstädten immer stärker befeuert wurde, zwischen dem unaufhaltsamen Aufstieg der Frauen und einer aufblühenden queeren Bewegung, musste sich der neue Mann erst einmal zurechtfinden …
Dass sich die Zufallsbegegnung zweier Fremder ausgerechnet am Wilberforcemonument in der englischen Stadt Hull abspielt, ist kein Zufall. Das 33 Meter hohe Denkmal steht für den britischen Abolitionisten William Wilberforce, der maßgeblich dazu beitrug, den Sklavenhandel im britischen Weltreich zu verbieten – mehr Freiheitsstreben geht nicht!
 

Was hat das alles mit uns zu tun?

Auch heute tun sich wieder einmal „die Männer“ schwer. Der Feminismus hat deutlich an Fahrt aufgenommen, und der Gegenschlag ist in vollem Gange, der Backlash. Warum? Vielleicht weil viele zwischen einstigen und heutigen Rollenbildern zerrieben werden, da wir alle zu sehr in patriarchalen Mustern leben. Doch deshalb eine weniger freie Welt in Kauf nehmen?
Ringelnatz stellt sich seinen Unsicherheiten – im Schreiben. Seine besten Gedichte atmen eine Zärtlichkeit, die es nie böse meint. Bei ihm liegen das Komische und das Traurige, das Nassforsche und das Sensible ganz nah beieinander, ähnlich wie in den Filmen von Charlie Chaplin. Womöglich schlug sich der schnoddrig-lakonische Reimkünstler auch deshalb sogar als verkleidete Wahrsagerin (!) in Riga durch, die den Prostituierten in einem Bordell die Zukunft weissagte …
Und vielleicht können wir es auch als Gesellschaft – und geschlechterübergreifend – schaffen, wieder ein klein wenig wohlwollender aufeinander zuzugehen. Denn nur dann gibt es eine gewisse Chance, dass man sich gegenseitig etwas zu sagen hat und über die Worte des anderen nachdenkt.
Zuletzt noch ein Tipp an alle Männer: Lest Gedichte! Laut einer Umfrage des katapult-Magazins steht auf Platz 1 der Dinge, die einen Mann begehrenswert machen – das Lesen.
 

Was geschah mit Ringelnatz?

Ringelnatz führte ein äußerst bewegtes Leben. Nicht nur, dass er in fast vierzig Berufe hineinschmeckte – einmal war er Riesenschlangenträger auf einem Hamburger Volksfest, außerdem Schaufensterdekorateur, Lehrling in einer Dachpappenfirma und natürlich Seemann –, der Sachse mit der „langen Nase“ und dem „vom Sturm zerknitterte[n] Gesicht“ (Ringelnatz über Ringelnatz) flog als Sechstklässler von einem Leipziger Gymnasium, weil er in der Pause zu einer der (aus heutiger Sicht sehr problematischen) Völkerschauen ging und sich von einer Samoanerin ein „H“ auf den Unterarm tätowieren ließ; es stand für seinen bürgerlichen Namen Hans Bötticher.
Bis 1909, wo es ihn nach München verschlug und er Hausdichter im Simplicissimus (in der Kneipe und in der Zeitschrift) wurde, war er längst mit allen Wassern der Weltmeere gewaschen. In Hull (wo dieses Gedicht spielt) lebte er obdachlos und war abhängig von Essensspenden, in Amsterdam landete er, körperlich ausgezehrt, im Gefängnis. Noch 1919, in den Wirren der Novemberrevolution, war Bötticher in Berlin in eine Schlägerei verwickelt, weshalb er auf einem Auge erblindete. Danach legte er sich sein Pseudonym zu, „Ringelnaß“ sagten Seeleute zu Seepferdchen.
Erst 1920 schaffte der lebensgierige Abenteurer den Durchbruch als angesehener Auftrittskünstler in Berlin, dank seiner karikierenden „Turngedichte“, die die völkischen Vereinnahmung des Sports veralberten – und der Kunstfigur des dem Alkohol sehr zugeneigten Seebären Kuttel Daddeldu. Außerdem heiratete Ringelnatz seine große Liebe Leonharda Pieper, der er ein ganzes Leben verbunden blieb und die er höchst liebevoll „Muschelkalk“ nannte.
Obwohl der Mann aus Wurzen stets knapp bei Kasse war, galt „Ringel“ als äußerst disziplinierter Wortakrobat, bot seine Arbeiten unermüdlich zur Veröffentlichung an, machte Aufnahmen für Schallplatten und für den Rundfunk und war oft monatelang auf Tournee. Außerdem malte er und stellte in renommierten Galerien – mit George Grosz oder Otto Dix – aus. 1933 wurde sein Ölgemälde „Nachts am Wasser“ als entartete Kunst aus der Berliner Nationalgalerie entfernt.
Wo wir beim traurigsten Thema ankommen: Ringelnatz, der sich nur selten konkret politisch geäußert hat, unterschätzte die Brutalität und Rigorosität der neuen Machthaber. In Dresden wurde er von der Bühne gezerrt und mit Auftrittsverbot belegt. Am 17. November 1934 verstarb das „Seepferdchen“ im Alter von 51 Jahren an einer verschleppten Tuberkulose, völlig mittellos und in Vergessenheit geraten. Neun Personen begleiteten den Sarg unter den Klängen seines Lieblingsliedes „La Paloma“.

 

Bibliografische Angaben

Erstveröffentlichung in: Joachim Ringelnatz, Kuddel-Daddeldu, Kurt Wolff Verlag, München, 1924

 

Zuletzt

Ab heute wird die „Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument“ bis zum 23. September im Brauhaus zum Löwen auf einem großen Plakat in der Felchtaer Straße 2–4 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.


Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Förderverein „Geschwister-Scholl-Haus“ E.V. und der Stadt Mühlhausen.
Es wird unterstützt durch die lokale Partnerschaft für Demokratie UHK, dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend mit ihrem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sowie dem Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familien mit ihrem Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk bunt“.

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Matthias Kröner - Grüner Weg 44 - 23909 Ratzeburg - Tel.: 0176/32331629