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Liebe Freundinnen und Freunde der Lyrischen Post,

»jeden Tag eine neue Überraschung und eine Autoren-Neuentdeckung! Wundervoll!«, schrieb mir gestern eine Leserin und stellte dann sehr wertschätzend diese Frage: »Haben Sie eigentlich bei diesem Projekt nur die zu behandelnden Themen oder auch die entsprechenden Poeten zugeteilt erhalten oder haben Sie selbst zu den genannten Themen die zeitgemäßen DichterInnen und Gedichte recherchiert?«

Ich habe mir tatsächlich alles selbst überlegt und alles selbst recherchiert: die Themen, den Bezug zu heute, die dazu passenden Gedichte.
Es ist eine große Aufgabe, aber auch eine Aufgabe, die mich mit Freude und Sinn erfüllt!
Wenn ich auch keinen einzigen Populisten überzeugen kann, geht es doch nicht zuletzt darum, dass wir uns unserer Stärke und Klarheit sicher sind.

Die Grundidee für Demokratie 1 entstand in einem sehr angenehmen Gespräch mit Patrick Otto von der Stadt Mühlhausen nach mehreren Lesungen, die ich dort vor Schülerinnen und Schülern halten durfte.
Soviel zu den Hintergründen – und wie es zu diesem digitalen Literaturprojekt gekommen ist!

Eine weitere Stimme möchte ich noch zitieren. Andrea Schatz schrieb zur gestrigen Ausgabe: »Als gelernte ›Tippse‹ bin ich sehr froh, dass Sie den Text von Lili Grün aufgreifen. Im Vergleich zur damaligen Zeit erlebe ich beste Bedingungen, was Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und persönliche Freiheit überhaupt betrifft. Anders kann und will ich mir mein Leben gar nicht vorstellen!
Aber was, wenn sich das Ewiggestrige wieder einnistet, demokratiefeindlich und listig, Stück für Stück, und die vielen guten Errungenschaften und Ansätze eliminiert? Da hoffe ich, mehr als auf die Politiker, auf die Kulturschaffenden, die Kreativen, uns Freigeister im solidarischen Sinne, um gesund weiterleben zu können.«

Das ist eine sehr schöne Hoffnung, die ich teile. Nur müssen wir aufpassen, inwieweit die Kulturschaffenden in Sachsen-Anhalt überhaupt noch frei und ohne Schere im Kopf ihrer Arbeit nachgehen werden können.
Ich möchte nicht überdramatisieren, doch Kultur ist eben Sache des jeweiligen Bundeslandes.

Heute meldet sich aus dem Jahr 1929 erneut ein Autor, der für mich selbst eine Neuentdeckung gewesen ist: George A. Goldschlag!

Viel Vergnügen und noch mehr Erkenntnisse
Ihr Matthias Kröner

George A. Goldschlag
City

Lichtbänder zucken über Häuserschächten.
Steile Fassadenfronten stehen stramm.
Rolltreppen schaufeln Menschen aus den Nächten
Der Untergrundbahn auf den Straßendamm.

Geschrei. Geklingel. Hupen und Sirenen.
Schaufenster. Banken. Warenhäuser. Bars.
Haushoch und lächelnd mit entblößten Zähnen
Das Riesenbrustbild eines Kinostars.

Zigarrenhandlungen. Cafés mit Diele.
Bei Bogenlampen Straßenübergang.
In weiter Schlangenflucht Automobile,
Sechsfache Reihen, unabsehbar lang.

General Motors – Daimler – Horch – Mercedes –
Studebaker – Chrysler – Opel – Fiat – Ford –
In seinen Flanken zitternd lauert jedes
Auf freie Fahrt und neuen Rennrekord.

Das Licht ist rot. Fußgängervölker wandern
Quer durch die Wagenfront in gleichem Trott.
Der Sipo trennt die einen von den andern
Nur mit der Geste, wie ein alter Gott.

Von der Gewalt der Flut steht eingekesselt
Allein sein Umriß ragend im Orkan.
Das Licht wird grün. Ein Chaos wird entfesselt.
Bewegung stürzt sich in die offne Bahn.

Im Rhythmus wechselnd hämmert die Mechanik.
Gewühl und Stillstand. Rast und Raserei.
Gehemmtes Warten. Atemlose Panik.
Die Bahn versperrt sich. Und die Bahn wird frei.

Die Ampeln flammen mystisch-unergründlich.
Auf „Halt“ folgt „Durchfahrt“ und auf „Durchfahrt“ „Halt“.
An jeder Straßenecke sausen stündlich
Zehntausend Autos über den Asphalt.

Am Dachsims klettern unaufhörlich sinnlos
Die Lichtreklamen für Konfekt und Sekt.
Hier streut das Schicksal Nieten und Gewinnlos.
Hier wird gelebt, genossen und verreckt.

O Stadt der Pferdekräfte und der Kabel,
Voll Not und Reichtum, Hunger und Geschlemm –
Ich nenne Dich bei Deinem Namen, Babel,
Sodom, Gomorrha – und Jerusalem!

 

Worum geht’s?

In diesem Gedicht des – zu Unrecht – nahezu völlig vergessenen George August Goldschlag fällt die Stadt über einen her; ein Ungeheuer namens Metropole. „Am Dachsims klettern unaufhörlich sinnlos / Die Lichtreklamen für Konfekt und Sekt. / Hier streut das Schicksal Nieten und Gewinnlos. / Hier wird gelebt, genossen und verreckt.“ Alles wirkt belebt und geradezu lebensgefährlich. Gleichzeitig gibt es auch die ekstatische Hingabe an die Überforderung, die einen kaum Luft zum Atmen lässt – und groteskerweise einen Verkehrspolizisten („Sipo“) zu einem biblischen Gott erhebt, der über den Massenansturm der Autos und Fußgänger herrscht. Nach einer fast schon manischen Auflistung von Automarken, die den hektischen und dann wieder für Sekunden zur Ruhe kommenden Moloch in die Gegenwart von 1929 verortet, kommt Goldschlag zu einer widersprüchlich-wahrhaftigen Erkenntnis: Die Großstadt ist Untergang und Verheißung in einem, „Babel, / Sodom, Gomorrha – und Jerusalem!“
Diese Erfahrung deckt sich mit den historischen Hintergründen. Der Zuwuchs in Großstädten war enorm – unter anderem weil die Landbevölkerung aufgrund wirtschaftlicher Not in die Metropolen drängte. Etwa ein Drittel der Deutschen lebte 1929 in Berlin, Hamburg, Köln, München oder Leipzig. Der Spitzenreiter war mit 4,3 Millionen Menschen ganz klar: Berlin. Riesige Bürobauten, aber auch groß angelegte Fabriken mit hochaufragenden Schornsteinen galten als Kathedralen der Moderne. Zeitgleich war Berlin das kulturelle Zentrum Europas, und die dort gedrehten Stummfilme (z. B. „Metropolis“ von Fritz Lang) stellten sich als epochal und wegweisend heraus – und waren den meisten Hollywoodproduktionen künstlerisch wie technisch weit überlegen (bis die Nazis dem rasch ein Ende setzten und die besten Regisseure nach Amerika auswanderten).
Allerdings fehlten allein in Berlin rund 100.000 Wohnungen. Anders gesagt: Die damals zweitgrößte Stadt der Welt (nach Los Angelos) platzte aus allen Nähten. Ein wenig Abhilfe schaffte das „Neue Bauen“, das modernistische Stararchitekten wie Walter Gropius („Bauhaus“), Le Corbusier oder Mies van der Rohe unter dem Slogan „Licht, Luft und Sonne“ aus dem Boden stampften. Ein Beispiel dafür ist die Berliner „Siemensstadt“, die zwischen 1929 und 1931 errichtet wurde und seit 2008 ein UNESCO-Welterbe darstellt.
Trotz alledem – die Metropolen in der ersten Demokratie Deutschlands waren überfüllt, und die so sinnliche wie angsteinflößende Wahrnehmung von George A. Goldschlag zeigt sich auch in der grandiosen ARD-Serie „Babylon Berlin“, deren fünfte und letzte Staffel ab morgen in der Mediathek zu sehen ist!

Was hat das alles mit uns zu tun?

Aktuell fehlen in Deutschland rund 1,4 Millionen Wohnungen. Vor allem junge Menschen unter 25 Jahren, Seniorinnen und Senioren mit kleiner Rente und Menschen mit Behinderungen leiden unter der Knappheit. Doch noch etwas anderes habe ich beim Lesen sofort gespürt! Die Worte von Goldschlag wirken auf mich wie mit Starkstrom aufgeladen, und so wie damals die Menschen von der Reizüberflutung einer Riesenstadt fasziniert und erschreckt waren, sind wir das heute in punkto „Information Overload“, sobald wir zum Handy greifen.
Die Forschung – darunter Langzeitstudien – zeigt eindeutig, dass die schiere Menge polarisierender Themen den Körper mit Stresshormonen flutet, die wiederum Ohnmachtsgefühle bis Depressionen (bei starker Social-Media-Nutzung) auslösen. Doomscrolling und der Algorithmus sorgen dabei für Daueralarm, damit man an den Geräten bleibt. Nur leider ist unser Steinzeitgehirn darauf ausgerichtet, einem Höhlenlöwen oder einem Wollnashorn zu entkommen! Gegen einen Krieg oder auch „nur“ gegen Wohnungsnot können wir im Moment der Informationsüberflutung nichts unternehmen …
Rechtspopulisten nutzen diesen Umstand geschickt und verordnen der ohnehin vorhandenen Überforderung als Medikament die ganz große Überwältigung: indem sie gnadenlos Angst und Wut schüren oder – noch perfider – so tun, als gäbe es manche Probleme gar nicht, obwohl wir sie längst am eigenen Leib spüren (Thema Klimawandel).

Was geschah mit Goldschlag?

Seine Wikipedia-Seite ist mau und fehlerhaft, im Internet findet man so gut wie nichts, in einschlägigen Literaturlexika steht er nicht – und die KI ist ratlos.
In solchen Fällen helfen wissenschaftliche Artikel. Den entscheidenden hat Ursula Saile-Haedicke geschrieben. Fast alles, was ich über George August Goldschlag weiß, weiß ich durch die Betreiberin eines Versandantiquariats in Braunschweig. Herzlichen Dank für die Hilfe!
Goldschlag wurde am 14. August 1896 geboren und starb am 29. Juni 1934. Die meiste Zeit verbrachte der deutsch-jüdische Journalist und Lyriker in Berlin. Er war das jüngste von vier Kindern des Rechtsanwalts Selig Goldschlag (welcher starb, als George vier war) und seiner Frau Martha. 1914 legte der junge Dichter das Abitur ab und begann ein Studium der Germanistik, das er kriegsbedingt abbrach. Im selben Jahr nahm Goldschlag als Kriegsfreiwilliger beim extrem verlustreichen Flandern-Feldzug während des Ersten Weltkriegs teil.
1932 heiratete er Käthe Thiemer, Tochter des Verlagsbuchhändlers Otto Thiemer, und war selbst als (Antiquariats-)Buchhändler tätig. Seine Frau war nicht-jüdischer Abstammung, lebte bis 1977 – und wurde nach dem Tod ihres Mannes von den Nazis bedrängt, ihren jüdischen Namen wieder abzulegen, was sie nicht tat.
Während seines 37-jährigen Lebens brachte George A. Goldschlag fünf Gedichtbände heraus (z. B. „Rot und Grün“ oder „Jetzt und hier“), galt als große Hoffnung in den jüdisch-intellektuellen Kreisen der Hauptstadt, rezitierte eigene Gedichte im Rundfunk und nahm an Dichterlesungen teil. „Er ist ein Mann der europäischen Gesellschaft und Zivilisation, ein großstädtisch-moderner Mensch, ein Stilist der rauhen Lebenswirklichkeit und Sachlichkeit, ein Sänger der Technik und Maschinenzeit“, hieß es in einer bedeutenden jüdischen Wochenzeitung. Auch in der wichtigen Lyrik-Anthologie „Um uns die Stadt“ ist Goldschlag vertreten, neben Brecht, Lion Feuchtwanger, Kästner, Hermann Kesten oder Ringelnatz!
George A. Goldschlag verstarb nach einer Gallenoperation, erhielt einen Nachruf, und Freunde und Familienmitglieder veranstalteten zwei Erinnerungsabende – auch um einen Grabstein (was scheiterte) und einen Gedichtband (das klappte) zu finanzieren; mitten in der längst bestehenden Gewaltdiktatur der Nazis.
Auch deshalb tut es so gut, diesen Schriftsteller neu entdeckt zu haben und der Vernichtungs- und Vergessensmaschinerie im Nachhinein etwas entgegenzusetzen – und sei es nur ein außergewöhnlich gut geschriebenes Großstadtgedicht eines sehr talentierten jüdischen Lyrikers!

 

Bibliografische Angaben

Erstveröffentlichung in: Flugblatt 1 des Kartells Lyrischer Autoren und des Bundes Deutscher Lyriker (Berlin), Buchdruckwerkstätte GmbH, Dezember 1929

 

Zuletzt

Ab heute wird „City“ bis zum 23. September im Thüringer Eltern-Kind-Zentrum Priorat-Kita „Weitblick“ auf einem großen Plakat in der Frankenstraße 23 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.


Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Förderverein „Geschwister-Scholl-Haus“ E.V. und der Stadt Mühlhausen.
Es wird unterstützt durch die lokale Partnerschaft für Demokratie UHK, dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend mit ihrem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sowie dem Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familien mit ihrem Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk bunt“.

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Matthias Kröner - Grüner Weg 44 - 23909 Ratzeburg - Tel.: 0176/32331629