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Liebe Freundinnen und Freunde der Lyrischen Post,

zum Mascha-Kaléko-Gedicht hat sich Andrea Schatz gemeldet, sie schreibt: »Ich war einige Jahre im technischen Einkauf und im  Projektmanagement unterwegs und häufig die einzige Frau am Verhandlungstisch. Die Wahrnehmungen sind subtil und natürlich subjektiv, aber ich denke, viele Frauen können ein Lied davon singen, wenn sie übergangen werden, weil sie sich entweder zu ›lieblich‹ oder aber zu ›forsch‹ geben, im einen Fall hat frau dann kein Durchsetzungsvermögen, im anderen Haare auf den Zähnen. Oft ist gewissen Alpha-Männern die Ratlosigkeit anzumerken, und sie wechseln das Thema, z. B. habe ich lange Fußball gespielt und immer erst mal ein betretenes Schweigen erlebt, wenn ich beim Smalltalk über Sport davon erzählt habe. Aktuell erlebe ich, wie ein Redakteur eine ebenfalls ausgebildete Redakteurin als Volontärin behandelt.«

Ich glaube, dass es inzwischen eine größere Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für dieses Thema gibt, das schon vor 100 Jahren eine bedeutende Lyrikerin beschäftigt hat.
Oder sagen wir so: Ich hoffe es!

Jetzt geht es um ein ganz anderes Thema, nämlich um die Problematik des Aufrüstens.
Heute meldet sich aus dem Jahr 1927 erneut einer meiner Lieblingsautoren: Erich Kästner!

Viel Vergnügen und noch mehr Erkenntnisse
Ihr Matthias Kröner

Erich Kästner
Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?

Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
in den Bureaus, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
– und es ist sein Beruf etwas zu wollen –
steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
und mit gezognem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen!
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt’s dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut – es werden stets Kasernen.
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
 

Worum geht’s?

Ich kenne keine stärkere Parodie in deutscher Sprache! Ausgerechnet Goethe (der noch zu meiner Studentenzeit als literarischer Übergott galt) dient als Vorlage, genauer: sein lyrischer Number-One-Smash-Hit „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?“, dessen deutsch-romantische Italiensehnsucht Kästner bitterböse aufs Korn nimmt. Während beim „Werther“-Erfinder aus Weimar der utopische Wunsch nach einer Idylle geschildert ist, wird bei Kästner nach „Bleisoldaten“ und „Kasernen“ geschmachtet.
Die „unsichtbaren Helme“ deuten dabei auf eine Gesinnung hin – darauf, dass die alten Eliten der Kaiserzeit vielfach noch in wichtigen Positionen geblieben sind (wie auch viele Alt-Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg wichtige Stellen in der Justiz bekleidet haben) –, aber auch auf ein tatsächlich geheimes und geleaktes Waffenprogramm der Reichswehr.
Der Hintergrund: Laut dem Versailler Vertrag sollte Deutschland nach dem verlorenen Weltkrieg 1 nur ein 100.000 Mann starkes (plus 15.000 Marinesoldaten fassendes) Heer besitzen. Schon 1923 begannen die Reichsregierung und die Reichswehr mit einer inoffiziellen Aufrüstung. Dafür wurden im russischen Fili Flugzeuge gebaut, in anderen Fabriken waren es Artilleriegranaten, die mit russischen Schiffen heimlich nach Stettin transportiert wurden.
Doch wie das immer so ist: Irgendwann fliegen diese Machenschaften auf! Am 3. Dezember 1926 brachte die britische Zeitung „The Manchester Guardian“ eine Enthüllungsserie über die verbotene Produktion von Militärflugzeugen.
Obwohl der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann diese Praxis am 16. Dezember 1926 im Reichstag anprangerte, verabschiedete Hermann Müller, ebenfalls SPD, in enger Zusammenarbeit mit dem Chef der Heeresleitung im Herbst 1928 das „Erste Rüstungsprogramm“, das ebenfalls nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte (und über Schattenhaushalte und Tarnkonten finanziert wurde).
Im März 1929 berichtete die linksliberale Wochenzeitung „Die Weltbühne“ dennoch über den Aufbau einer geheimen Luftwaffe, woraufhin ihr Herausgeber, der spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, für 18 Monat wegen Spionage verhaftet wurde (und kurz darauf in die tödlichen Fänge der Nazis geriet). Die von alten Kaiserreich-Eliten geführte Justiz hatte gewonnen!
Im Frühjahr 1932 verabschiedete die Reichsregierung unter der Führung der katholischen Zentrumspartei von Heinrich Brüning sogar ein streng geheimes „Zweites Rüstungsprogramm“.
Nach der Machtübernahme hatte Hitler beste Möglichkeiten und eine sehr gute Grundlage, um die Rüstung auf ein Rekordniveau hochzufahren! Er machte bereits 1933 – drei Jahre vor den olympischen „Friedensspielen“, wie die NSDAP das Sportfest nannte – der Reichswehrführung klar, dass er mit einem Krieg plane.
1939, am Tag des Angriffs auf Polen, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert, besaß Deutschland unglaubliche 4,5 Millionen Soldaten, 2.600 Panzer, 3.600 Kampfflugzeuge – und mobilisierte während des gesamten Krieges an die 18 Millionen Männer für Heer, Luftwaffe, Marine und Waffen-SS.
Wie Kästner sagte: „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn? / Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!“
 

Was hat das alles mit uns zu tun?

Ich weiß schon, einige sagen jetzt: „In Deutschland wird wieder aufgerüstet! Die SPD, die Grünen und die FDP [unter denen diese Aufrüstung beschlossen wurde] sind Kriegstreiber.“
Schauen wir uns nüchtern die Fakten an! Am 24. Februar 2022 hat Russland die Ukraine völkerrechtswidrig überfallen. Niemand weiß, was Putin außerdem vorhat. Dass er die Nato angreift, scheint unlogisch, doch nicht ausgeschlossen. Dass Russland die Ukraine einnehmen wolle, schien vor dem 24. Februar 2022 ebenfalls äußerst unlogisch (und selbst der Bundesnachrichtendienst soll nicht so gut informiert gewesen sein). Trotzdem ist es geschehen.
Was ich gleichzeitig sagen muss: Es tut mir wahnsinnig weh, dass wir wieder in einer Welt leben, in der die Menschheit immer noch nicht erkannt hat (oder es nicht sehen will), dass da ein viel größeres Problem zu bekämpfen ist, das uns alle ausnahmslos etwas angeht, über alle Länder- und Staatsgrenzen hinweg: der Klimawandel und die Möglichkeiten, ihn einzudämmen und mit ihm umzugehen.
Stattdessen wird in vielen Teilen der Welt wieder massiv aufgerüstet. In Deutschland geschieht dies ausschließlich zur Verteidigung. Das ist der ganz große und entscheidende Unterschied zur nationalsozialistischen Diktatur unter Adolf Hitler, die ab der Machtübernahme auf einen Weltkrieg ausgerichtet war.
Trotzdem bleibt es eine unauflösbare Tragik, wenn man bedenkt, was man mit den hohen Militärausgaben allein in Deutschland erreichen könnte. Das weltweite Hungerproblem wäre damit bis 2030 erledigt.


Was geschah mit Kästner?

Dass die Nationalsozialisten keine Freunde von Erich Kästner waren, habe ich schon an Tag 1 beschrieben. Kein Wunder, Kästner blieb in seiner Ablehnung eindeutig! In einem „Brief an den Weihnachtsmann“ von 1930 schrieb er: „Und nach München lenk die Schritte, / Wo der Hitler wohnen soll. / Hau dem Guten, bitte, bitte, / Den Germanenhintern voll!“ Wie erging es dem Bestsellerautor während der Nazizeit? Wie konnte Kästner überleben?
Erich Kästner war 1933 auf dem Höhepunkt seines Erfolgs – und redete sich vielleicht ein bisschen ein, dass der Nazi-„Spuk“, wie er ihn bezeichnete, bald vorüber sei. Er wollte und konnte Deutschland auch wegen seiner Mutter nicht verlassen, die er schon als Kind und Jugendlicher mehrfach vor dem Suizid bewahrt hatte. Immerhin, sein Starstatus schützte ihn, Kästner hatte keine jüdische Herkunft – andernfalls hätte er um sein Leben fürchten müssen – und schrieb keine politischen Texte mehr.
Allerdings gab es ein deutliches Veröffentlichungsverbot, und er konnte nur aus zweierlei Gründen die zwölfjährige Nazi-Diktatur überleben: Kästner hatte Ersparnisse und war ein geschickter Geschäftsmann. Mit der Machtübernahme der Nazis schrieb er leichte – und gut bezahlte – Boulevardkomödien, Unterhaltungsromane und Drehbücher unter Pseudonym und mit Freunden, die veröffentlichten durften, weil sie in der Reichsschrifttumskammer gelistet waren; Kästners verbotene Bücher erschienen zeitweise in der Schweiz.
1942 schrieb er sogar das Drehbuch für einen Blockbuster der NS-Zeit, für „Münchhausen“ mit Hans Albers in der Hauptrolle. Er erhielt dafür eine Sondergenehmigung von Goebbels, doch Hitler tobte, als er davon erfuhr – und Goebbels schickte Mitverantwortliche (obwohl er ja selbst zugestimmt hatte) an die Ostfront … Sündenböcke sind in Diktaturen schnell zur Hand!
Noch vor der Uraufführung des Kassenschlagers wurde Kästner mit einem totalen Publikationsverbot belegt. Heimlich und versteckt schrieb er nur noch an einem Kriegs-Tagebuch, das er zwischen 4.000 anderen Büchern in seinem Regal „versteckte“, in Steno abfasste und sogar in den Luftschutzbunker mitnahm. Als Chronist notierte er auch Heeresberichte, Massenexekutionen und Flüsterwitze über Hitler und Goebbels, nannte die Sammlung „Das Blaue Buch“ (weil es in blaues Leinen eingeschlagen war) und wollte daraus nach dem Zusammenbruch der Diktatur einen Roman gestalten, der aber nie zustande kam. Kästner fand keinen Ansatz, über die zwölf Schreckensjahre zu schreiben, nachdem er mit einem Holocaust-Überlebenden geredet hatte.
Immerhin wurde Erich Kästner in der jungen Bundesrepublik wieder ein Literaturstar. 1957 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, 1959 das Große Bundesverdienstkreuz. Dabei hat Kästner seine Rolle während der Nazizeit nie verklärt oder von „innerer Emigration“ gesprochen, ein Wort, das die ausgewanderten Schriftstellerinnen und Schriftsteller häufig abwertete. Allenfalls könnte man ihm ankreiden, dass er sich mehrfach und intensiv um eine Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer bemüht hat, um Schreibaufträge und Honorare zu erhalten; ein Anliegen, das erfolglos blieb.
Wer also war Erich Kästner – ein Widerstandskämpfer? Nein, definitiv nicht. Er blieb ein stummer Kritiker des Regimes, und ich denke nicht, dass wir ihm einen ernsthaften Vorwurf machen können. Zumal er niemals ein Nazi-Lobbyist geworden ist!
Anders gesagt: Wie würden wir reagieren, wenn wir in eine solche Lage kämen?
 

Bibliografische Angaben

aus: Erich Kästner, Herz auf Taille (1928, C. Weller & Co., Leipzig/Wien), Atrium Verlag AG, Zürich, 2012
Erstveröffentlichung in: Das Tagebuch (Berlin), 8. Jahrgang, Heft 44, 29. Oktober 1927

Nutzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags: www.w1-verlage.de/atrium-verlag


Zuletzt

Ab heute wird „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“ bis zum 23. September in der Tourist Info auf einem großen Plakat in der Ratsstraße 20 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.


Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Förderverein „Geschwister-Scholl-Haus“ E.V. und der Stadt Mühlhausen.
Es wird unterstützt durch die lokale Partnerschaft für Demokratie UHK, dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend mit ihrem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sowie dem Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familien mit ihrem Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk bunt“.

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