Else Lasker-Schüler
Die Verscheuchte
Es ist der Tag in Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.
Wie lange war kein Herz zu meinem mild ….
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
– Komm, bete mit mir – denn Gott tröstet mich.
Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich? –
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend – ja, ich liebte dich.
Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt –?
– Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich –
Und ich – vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.
Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt,
Auch du und ich.
Und deine Lippe, die der meinen glich,
Ist wie ein Pfeil nun blind auf mich gezielt –.
Worum geht’s?
Die Nazis haben die Macht übernommen, und viele Intellektuelle mussten das Land verlassen; andernfalls wurden sie verhaftet oder in Konzentrationslager gesperrt. Erste KZs gab es schon im März 1933! Umso trauriger, dass ein herausragender Lyriker wie Gottfried Benn die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. In Rundfunkreden und essayistischen Zeitungsartikeln verteidigte er den „Sieg der nationalen Idee“ und den „neuen biologischen Typ“. Im Oktober 1933 unterschrieb er das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ auf Adolf Hitler.
Was hat das alles mit Else Lasker-Schüler zu tun? Sie spielt in diesem erschütternden Gedicht auf den Schriftsteller an, mit dem sie eine so intensive Lebens- wie Liebesfreundschaft hatte, auch über die leidenschaftliche Zeit zwischen Sommer 1912 und Winter 1913 hinaus. Jetzt, seit April 1933, befindet sich Lasker-Schüler im Schweizer Exil. „Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild / Durch bleiche Zeiten träumend – ja, ich liebte dich.“
Es muss sie unglaublich geschmerzt haben, einen so wichtigen Menschen an eine derart menschenverachtende Ideologie zu verlieren. Als moderne Lyrikerin galt die Expressionistin Else Lasker-Schüler ohnehin als entartet, als Jüdin war sie unerwünscht; mehrfach griffen sie NS-Schergen in Berlin tätlich an. Doch auch in Zürich, wo sie als 64-Jährige (!) ankam, führte Lasker-Schüler ein gedemütigtes Leben. Die Frau, die immer wieder ihre Bürgerlichkeit gesprengt hatte, Gender-Rollenspiele als „Prinz Jussuf von Theben“ ausprobierte, mehrfach heiratete und mehrere Liebesaffären pflegte, bekam Arbeitsverbot und war auf die Gunst ihrer eidgenössischen Gönner angewiesen. Dabei setzte sie sich über das Berufsverbot hinweg – und erhielt Honorare für Bilder, die die doppelbegabte Künstlerin malte, für Lesungen, für ein Theaterstück!
Das meiste Geld sandte sie an mittellose Familienmitglieder sowie Freundinnen und Freunde in Deutschland. Deshalb fehlte ihr oft das Nötigste, etwas zu essen oder schlicht ein gut beheiztes Zimmer, weshalb sich Lasker-Schüler in Poststationen oder Cafés aufhielt. „Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt –? […] Bald haben Tränen alle Himmel weggespült“.
Auch körperlich ging es ihr nicht gut. Sie bekam eine Sehnenscheidenentzündung, einen vereiterten Armknochen, hatte Mühe beim Gehen und erlitt im März 1936 einen schweren Herzanfall. Psychisch war sie am Rand, litt an Verfolgungswahn, an Rastlosigkeit, da sie in der Schweiz nicht willkommen war – ständig musste sie neue Aufenthaltsgenehmigungen erwirken – und an extremer Einsamkeit. „Wie lange war kein Herz zu meinem mild …. / Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.“
Nein, ein Leben im Exil ist nie schön, und niemand, wirklich niemand verlässt seine Heimat gerne!
Doch auch Benn ging es nicht gut. „[W]enn ich kein schlechter Prophet bin“, schrieb Klaus Mann in einem berühmten Brief an den Dichter, „wird es zuletzt Undank und Hohn sein [was Benn von den Nazis zu erwarten habe]. Denn, wenn einige Geister von Rang immer noch nicht wissen, wohin sie gehören –: die dort drüben [also die Nazis] wissen ja ganz genau, wer nicht zu ihnen gehört: nämlich der GEIST.“ Schon im September 1933 liefen Benns Gedichte nicht mehr im Rundfunk, der Völkische Beobachter beschimpfte ihn 1936 als „Schwein“ und „geile[n] Mistfink“, und 1938 erhielt er Publikationsverbot.
Else Lasker-Schüler beschrieb bereits 1934 als „Verscheuchte“ auch das Ende einer großen Liebe – zu Gottfried Benn und zu ihrer Heimat Deutschland.
Was hat das alles mit uns zu tun?
117,8 Millionen Menschen waren 2025 weltweit auf der Flucht. Darunter 68,7 Millionen, die innerhalb ihrer Staatsgrenzen vor (Bürger-)Kriegen, schwerer Bandenkriminalität, Terrorismus und Naturkatastrophen fliehen mussten.
Bis 2025 waren die drei größten Herkunftsländer von Geflüchteten zusammengerechnet: Venezuela (6,4 Mio.), die Ukraine (5,2 Mio.) und Syrien (4,9 Mio.). Die drei größten Aufnahmeländer waren bis 2025 weltweit Kolumbien (2,8 Mio.), Deutschland (2,7 Mio.) und die Türkei (2,4 Mio.).
Trotz Platz 2 bei den Aufnahmeländern sind die Asylanträge in Deutschland seit 2023 stark zurückgegangen. 2025 hofften nur noch 168.543 Menschen auf eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, 2024 waren es 250.945 Menschen, 2023 insgesamt 351.915 Menschen.
Dabei fällt immer wieder auf: In Großstädten, wo deutlich mehr Migrantinnen und Migranten leben, ist die Ausländerfeindlichkeit am niedrigsten. Warum? Weil sich im täglichen Kontakt und im Miteinander oft Vorurteile und Feindbilder abbauen. Man sieht sich als Mensch unter Menschen.
Als Beweis dienen die Wahlergebnisse. Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt ist die Zustimmung für rechtspopulistische bis rechtsextreme Parteien in Metropolen viel geringer als auf dem Land, wo deutlich weniger Geflüchtete leben.
Von den nackten Zahlen abgesehen, beschreibt Else Lasker-Schüler in ihrem Gedicht, was die Politik eher selten tut: zu erzählen, wie schwer es Menschen fällt, die eigene Heimat in höchster Not zu verlassen – und wie wichtig es wäre, eine gelungene Integration viel stärker zu garantieren.
Was geschah mit Lasker-Schüler?
Elsa Lasker-Schüler hat für die damalige Zeit eher spät veröffentlicht. Ihr erster Gedichtband „Styx“ erschien 1901, als sie bereits 32 war. Grund genug, sich acht Jahre jünger zu machen! Im schweizerischen Exil trieb sie es auf die Spitze und verjüngte sich um 22 (!) Jahre, und erst nach ihrem Tod fand man ihr echtes Geburtsdatum heraus.
Lasker-Schüler gehörte eindeutig zur Avantgarde, ihre Literatur war etwas ganz Neues, allen voran ihre Lyrik. Der Schriftsteller Peter Hille, der einer ihrer Mentoren wurde, beschrieb sie 1904 so: „Ihr Dichtergeist ist schwarzer Diamant, der in ihrer Stirn schneidet und wehe tut. Sehr wehe. […] In ihres Haares Nacht wandert Winterschnee.“
Längst war sie im Berliner Café des Westens angesehen; dort lernte sie auch Gottfried Benn kennen, der die Ausnahme-Dichterin und antibürgerliche Provokateurin zwiespältiger betrachtete: „Man konnte weder damals noch später mit ihr über die Straße gehen, ohne daß alle Welt stillstand und ihr nachsah: extravagante weite Röcke oder Hosen, unmögliche Obergewänder, Hals und Arme behängt mit auffallendem, unechtem Schmuck, Ketten, Ohrringen, Talmiringe an den Fingern […].“ Ihre Liebesbeziehung trugen beide öffentlich aus, indem sie sich gegenseitig explizite Gedichte schrieben, sie in angesagten Literaturzeitschriften veröffentlichten und diese Stücke als beste Sex-Gedichte des Expressionismus in die Literaturgeschichte eingingen; Benn war 26, Lasker-Schüler 43 Jahre alt. Heute würde so ein Wettstreit auf TikTok oder Instagram stattfinden – und Kafka würde kommentieren, dass er Else für eine „überspannte Großstädterin“ halte (wie er das in einen Brief an Felice Bauer tat)!
Tatsächlich war Else Lasker-Schüler stark extrovertiert. Sie lief singend und rhythmisch zuckend durch die Berliner Nacht, stets von Fans begleitet und einmal von einem Polizisten zur Ruhe gebracht, verfasste 1925 eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb (weswegen sie sieben Jahre keinen namhaften Verlag mehr fand), lebte in billigen Hotelzimmern, ernährte sich wochenlang von Nüssen und Obst und erwies sich gleichzeitig als geschickte Netzwerkerin – was ihr im Exil das schwierige Überleben sicherte. Ohne ihre zahlreichen Fürsprecher wäre sie wohl in der Schweiz zugrunde gegangen und hätte nicht ständig neue Aufenthaltsgenehmigungen erhalten; ein ohnehin aufwendiges Unterfangen, da die Fremdenpolizei keine Emigranten wollte, schon gar keine jüdischen.
Mit der Aberkennung ihrer deutschen Staatsbürgerschaft durch die Nationalsozialisten war sie gezwungen, 1939 nach Palästina auszuwandern. 1927 hatte sie schon ihren Sohn begraben (er starb an Tuberkulose) und 1932 noch den Kleist-Preis erhalten. Nun wurde sie aufgrund ihres exzentrischen Aussehens zu einem Spottobjekt in Jerusalem. Bis zu ihrem Tod (ein erneuter Herzanfall) am 16. Februar 1945 vegetierte die spätere Pionierin der Moderne kärglich zur Untermiete in einer Privatwohnung.
Das alles hielt Else Lasker-Schüler allerdings nicht davon ab – bis zuletzt – großartige Gedichte zu schreiben und von Ernst Simon, einem Religionsphilosophen, noch im hohen Alter leidenschaftlich verehrt zu werden. Das bürgerliche Leben hatte diese besondere Lyrikerin und Frau wie keine zweite abgestreift.
Bibliografische Angaben
Erstveröffentlichung in: Die Sammlung – Literarische Monatsschrift (Amsterdam, Querido Verlag), hrsg. von Klaus Mann, Jahrgang 1, Heft 7, März 1934
Zuletzt
Ab heute wird „Die Verscheuchte“ bis zum 23. September im Rathaussaal auf einem großen Plakat in der Ratsstraße 19 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.