Schwimmzüge
Da war ich also, in der Mitte des Sees.
Manchmal machte ich kleine Tauchgänge. Um wieder Kraft zu schöpfen. Es war das erste Mal, dass ich diese Strecke schwamm.
Im Schwimmbad hatte ich nie mehr als zwei Bahnen geschafft, und auf einmal befand ich mich in der Mitte des Sees.
Der Tag war windstill. Es wehten nur kleine Wellen an mich heran. Nirgendwo lag ein Boot mit Anglern, und meine Frau, eine hervorragende Schwimmerin, hätte mich auch nicht retten können. Dafür war sie viel zu weit weg.
Ich wusste, weshalb ich über den See schwimmen wollte.
Nur, war ich gut genug? Hielt ich durch?
Ich dachte an die vielen Absagebriefe, die ich bekommen hatte.
Ich dachte an die langen Jahre, in denen ich schwamm.
Schwamm wie jetzt. In denen ich nicht vorankam.
Ich bewegte die Arme und Beine, doch der Steg war noch so weit weg.
Was ist es, was uns durchhalten lässt? Weshalb wollen wir ein Ziel erreichen? Oder denken wir nur, dass wir wollen sollen? Sind es die Voreinstellungen unserer Psyche, die unsere Eltern miteingerichtet haben?
Ich bin nie ein großer Schwimmer gewesen. Schwimmunterricht waren die schrecklichsten Schulstunden. Ich wollte mich drücken und schämte mich gleichzeitig. Meine Eltern versuchten mir im Freibad das Schwimmen beizubringen. Ich vertraute nicht mal den Schwimmflügeln. Wie sollten mich diese orangefarbenen Dinger halten?
Schließlich war es ein Schwimmkurs außerhalb der Schule, der mich rettete. Trotzdem war ich nie lang unterwegs. Ich machte zwanzig Schwimmzüge in den See. Zwanzig zurück.
Jetzt befand ich mich in der Mitte. Meine Arme taten mir weh, mein Brustkorb. Was, wenn ich einen Krampf bekomme?
Ich ging in diesem Moment durch Ängste. Wenig bekam ich geschenkt. Oder ist das auch nur eine Einstellung? Ist die Wirklichkeit das, worauf wir unsere Wahrnehmung werfen? Ist unsere Wahrnehmung Wahrheit?
Dann – spürte ich Boden unter den Füßen. Ich hatte den See durchschwommen. Ich hatte die Angst durchquert, und genau das gefiel mir.
Ich berührte einen Baum, dessen hohe Wurzeln im Wasser standen. Stieg auf den Steg. Setzte mich. Da gab es auch einen Greifvogel. Weit über mir. Wie tief dieser See wohl war?
Ich winkte der Frau auf der anderen Seite zu. Ich konnte mir jetzt alles vorstellen.
Irgendwann schwamm ich zurück und brauchte erneut sehr lange. Wieder biss ich mich durch. Die Mitte des Sees war diesmal kürzer.
„Du warst ganz schön lang unterwegs“, sagte die Frau, als ich ankam. „Ich habe dich nicht mehr gesehen.“
Das kannte ich auch von ihr. Wenn sie weit hinausschwamm, verlor ich sie irgendwann aus dem Blick. Ich musste vertrauen. Wir alle vertrauen. Sonst können wir nicht bestehen.
Immer noch waren wir die einzigen Menschen an diesem Waldsee.
Wenig später radelten wir zum Ferienhaus zurück. Wir kochten, saßen zusammen, tranken, redeten.
Wir liebten uns, und nachts träumte ich von den kleinen Wellen, die an mich heranschwappten. Sie flüsterten mir etwas zu, das ich nicht verstand.
Wie Gedanken, die sich noch nicht entschieden haben. Bis ich begriff: Man ist seine Gedanken. Es kommt darauf an, was man zulässt.
Ich weiß bis heute nicht, wie tief ich zum Grund hätte tauchen müssen. In der Mitte. Als ich dorthin schwamm, weil ich auf die andere Seite wollte.