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Liebe Freundinnen und Freunde der Lyrischen Post,

zum gestrigen Gedicht von Erich Kästner und zu meiner Interpretation gab es einige sehr nette Rückmeldungen.

So schrieb beispielsweise Irmtraut Fenn-Nebel, Redakteurin des Fränkischen Tag: »Das ist aber ein schönes Projekt! Abgesehen natürlich davon, dass die Ausgangslage – unsere ins Wanken geratene Demokratie – die Basis dafür ist. Aber – wirklich eine gute Idee und sehr lesenswert

Ulmia Schneider ergänzt: »Die Angst vor Schlimmem kann man über die Kunst modifizieren, gut. Wir demokratischen Menschen halten zusammen, halten uns an die Vernunft und nicht an fehlgeleitete Emotionen und Falsch-Informationen und verändern zum Guten

Heute meldet sich aus dem Jahr 1919 einer meiner Lieblingsautoren: Kurt Tucholsky!

Viel Vergnügen und noch mehr Erkenntnisse
Ihr Matthias Kröner

Kurt Tucholsky
Krieg dem Kriege

Sie lagen vier Jahre im Schützengraben.
Zeit, große Zeit!
Sie froren und waren verlaust und haben
daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,
weit, weit –!

Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
Und keiner, der aufzubegehren wagt.
Monat um Monat, Jahr um Jahr …

Und wenn mal einer auf Urlaub war,
sah er zu Hause die dicken Bäuche.
Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche
der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft.
Und die Horde alldeutscher Skribenten kläfft:
„Krieg! Krieg!
Großer Sieg!
Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!“
Und es starben die andern, die andern, die andern …

Sie sahen die Kameraden fallen.
Das war das Schicksal bei fast allen:
Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.
Ein kleiner Fleck, schmutzigrot –
und man trug sie fort und scharrte sie ein.
Wer wird wohl der nächste sein?

Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen.
Werden die Menschen es niemals lernen?
Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
Wer ist das, der da oben thront,
von oben bis unten bespickt mit Orden,
und nur immer befiehlt: Morden! Morden! –
Blut und zermalmte Knochen und Dreck …
Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck.
Der Kapitän hat den Abschied genommen
und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen.
Ratlos stehen die Feldgrauen da.
Für wen das alles? Pro patria?

Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
Brüder! das darf nicht wieder sein!
Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
ist das gleiche Los beschieden
unsern Söhnen und euern Enkeln.
Sollen die wieder blutrot besprenkeln
die Ackergräben, das grüne Gras?
Brüder! Pfeift den Burschen was!
Es darf und soll so nicht weitergehn.
Wir haben alle, alle gesehn,
wohin ein solcher Wahnsinn führt –

Das Feuer brannte, das sie geschürt.
Löscht es aus! Die Imperialisten,
die da drüben bei jenen nisten,
schenken uns wieder Nationalisten.
Und nach abermals zwanzig Jahren
kommen neue Kanonen gefahren. –
Das wäre kein Friede.

Das wäre Wahn.
Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
Und die Menschheit hörts, und die Menschheit klagt.
Will das niemals anders werden?
Krieg dem Kriege!
Und Friede auf Erden.

 

Worum geht’s?

Kurt Tucholsky war das moralische Gewissen der ersten Demokratie Deutschlands – und hat sich schon früh für pazifistische und menschenfreundliche Werte stark gemacht. Bereits 1919 kritisierte er in diesem Gedicht den Krieg an sich! Eine Einsicht, die sich erst 9 Jahre später im Briand-Kellogg-Pakt offiziell durchsetzte. Am 27. August 1928 unterzeichneten 15 Staaten, darunter auch Deutschland, eine Verpflichtung, die den Angriffskrieg als politisches Mittel ablehnte: erstmals in der Geschichte der Menschheit.
Der Grund dafür waren die Verheerungen des Ersten Weltkriegs – ein kräftezehrender, vierjähriger Stellungskrieg, der täglich Tote und Schwerstverletzte zurück in die Heimat schickte; wer überlebte, war im Regelfall stark traumatisiert. Letztlich starben 10 Millionen Soldaten durch Panzer, Flugzeuge, Schusswaffen und Giftgas. Zusätzlich gab es 7 Millionen zivile Opfer.
Tucholsky, ein hochgebildeter jüdischer und zugleich protestantischer Intellektueller und Jurist, schaute auch hinter die Kulissen der Kriegsführung, wo sich einer der Hauptverantwortlichen für den Krieg „etwas plötzlich von dannen“ gemacht hatte. Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., floh einen Tag nach der Ausrufung der Republik – sie fand am 9. November 1918 in Berlin statt – ins niederländische Exil. Von dort schrieb er täglich Briefe, um die Monarchie in Deutschland wiederherzustellen. Später schrieb er mehrfach an Hitler und bedankte sich für die großen Kriegserfolge … Der Diktator antwortete nie.
Außerdem legte Tucholsky den Finger in eine zweite Wunde. Der Friedensvertrag von Versailles sollte Deutschland empfindlich treffen – und schürte einen starken Hass auf die Siegermächte, allen voran auf Frankreich. Im Rückblick weiß man, dass die Forderungen dieses Friedensabkommens tatsächlich eine große Belastung für die junge Demokratie waren: die hohen Reparationszahlungen (132 Milliarden Goldmark), der Landverlust (13 Prozent), das stark verkleinerte Heer (100.000 Mann) und die alleinige Kriegsschuld, die Deutschland aufgebürdet wurde. „Geben sie uns den Vernichtungsfrieden, / ist das gleiche Los beschieden / unsern Söhnen und euern Enkeln. […] Und nach abermals zwanzig Jahren / kommen neue Kanonen gefahren.“
Kurt Tucholsky hat diese Entwicklung unheimlich exakt vorhergesehen. Genau 20 Jahre später, am 1. September 1939, begannen die Nationalsozialisten mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg.

Was hat das alles mit uns zu tun?

Zum Glück haben wir seit 1945 keinen Krieg in Deutschland. Damit es so bleibt, müssen wir so hellsichtig wie Tucholsky werden – und dürfen nicht auf Fake News hereinfallen!
Nach Weltkrieg 1 war der größte Verschwörungsmythos die „Dolchstoßlegende“. Sie besagte, dass das deutsche Heer unbesiegt wäre, doch durch Linke, Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden „von hinten erdolcht“ worden sei. Es hört sich ein bisschen so an wie die „gestohlene Wahl“, von der Trump ständig schwadronierte … Heute wissen wir, dass die Oberste Heeresleitung unter Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg um ein Ende der Kriegshandlungen ersucht hat!
Noch ein Wort zu Wilhelm II.: Im Sommer 1927 schrieb der längst abgedankte Ex-Kaiser an einen amerikanischen Freund diese furchterregenden Worte: „Die Presse, die Juden und Mücken sind eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muß – I believe the best would be gas.“
Man kann sich merken: Wer die freie Presse oder eine Menschengruppe ausrotten möchte, sagt das nie – zum Spaß.

Was geschah mit Tucholsky?

Tucholsky hatte sehr gute Jahre, vor der Weimarer Republik – und auch in ihr. Er war so etwas wie ein literarischer Superstar, der so gewitzt und so viel für Zeitschriften, Zeitungen, Varietés und Kabaretts schrieb, dass er mehrere Pseudonyme brauchte. Zu den bekannten (Ignaz Wrobel, Peter Panther, Theobald Tiger, Kasper Hauser) gab es auch eher unbekannte wie Old Shatterhand oder schlicht „Von einem Berliner“.
Seine politische Haltung „verdankte“ der linksintellektuelle Chronist mit der spitzen und satirischen Feder den Erlebnissen an der Ostfront im Ersten Weltkrieg. Es war klar, dass er sich fortan gegen die militärische Machthaber stellte: Denn „Soldaten sind Mörder“ und „nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“
Bereits 1924 übersiedelte er als Korrespondent der Weltbühne und der Vossischen Zeitung nach Paris, und 1929 emigrierte er nach Schweden, wo er sich in der Nähe von Göteborg ein Haus gemietet hatte. Selbstverständlich erkannten ihm die neuen Herren direkt 1933 die deutsche Staatsbürgerschaft ab – woraufhin er immer weniger schrieb (nur noch Briefe an gute Freunde) und schließlich ganz verstummte. Das lag auch daran, dass er keine Aufträge mehr bekam und schwer krank wurde, u. a. hatte Tucholsky ständige Magenschmerzen und eine chronische Siebbeinentzündung, weshalb er seinen Geruchs- und Geschmackssinn verlor. 
Nie paktierte Tucholsky mit den Nazis oder zweifelte auch nur an ihrer menschenverachtenden Ideologie. In einem späten Gedicht, das den bitter-bissigen Titel „Deutschland erwache!“ trägt, heißt es: „daß der Nazi dein Todesurteil spricht –: / Deutschland, fühlst du das nicht –?“
Am 21. Dezember 1935 verabschiedete er sich als 45-Jähriger aus dem Leben nach der Einnahme einer Überdosis sehr starker Schlaftabletten. Ein fast schon symbolischer Tod, nachdem er ein Leben lang für die – langsam eingeschläferte – Demokratie gekämpft hatte.

 

Bibliografische Angaben

Erstveröffentlichung in: Ulk (Berlin, unter dem Pseudonym Theobald Tiger), 48. Jahrgang, Nr. 24, 13. Juni 1919

 

Zuletzt

Ab heute wird „Krieg dem Kriege“ bis zum 23. September in der Stadtwerkstatt auf einem großen Plakat im Steinweg 4 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.


Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Förderverein „Geschwister-Scholl-Haus“ E.V. und der Stadt Mühlhausen.
Es wird unterstützt durch die lokale Partnerschaft für Demokratie UHK, dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend mit ihrem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sowie dem Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familien mit ihrem Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk bunt“.

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