Joseph Roth
Natur
Hinter den Häusern der Stadt, dort wo die Verbotstafeln stehn, beginnt
Gottes freie Natur, die den Menschen gehört.
Parzelliert und in Grundbüchern eingetragen sind
die Quellen, die Äcker, die Wälder, der Wind,
die Tannen, die Eichen, die Buchen, die Linden,
die Hasen, die Hirsche, der Lerchenschlag,
der Mond in den Nächten, die Sonne am Achtstundentag
und die Vögel, die, von Sorgen angeblich unbeschwert,
die segensreiche Ordnung dieser Welt verkünden – –
Leibeigene Eichkätzchen springen auf Eichen,
als wären sie unabhängig vom Kapital – –
und wissen nicht, daß unterdessen Förster ohne Zahl
auf hinterlistigen Pfaden zum Schießen schleichen – –
Nur die Schriftsteller wandern umher und werden Wunder gewahr
und schreiben Gedichte, Skizzen und Romane,
sie leben in ihrem göttlichen Wahne
und sterben vom menschlichen Honorar.
Worum geht’s?
Die Paradoxie ist König in diesem Gedicht, die Widersprüchlichkeit, das Absurde. „Hinter den Häusern der Stadt, dort wo die Verbotstafeln stehn, beginnt / Gottes freie Natur, die den Menschen gehört.“
Wie jetzt? Gehört sie den Menschen oder Gott – und ist sie dann überhaupt noch frei? Bei meinem allerersten journalistischen Artikeln für die Erlanger Nachrichten – damals in den beginnenden 2000er-Jahren – fiel mir sehr schnell auf, dass der Wald kein Zufallsprodukt der Natur ist. Er wird als Wirtschaftsmasse gesehen, nicht als Rückzugsort, und ist ganz sicher nicht unabhängig vom Kapital.
Die menschliche Selbstüberschätzung geht bei Joseph Roth aber noch zwei Schritte weiter, denn selbst „der Wind“, „der Lerchenschlag“ (also der Gesang der Lerche), „die Sonne am Achtstundentag“ und sogar „der Mond in den Nächten“ sind fachlich-korrekt in Grundbüchern eingetragen – und nur der Mensch tut so, als wäre er kein Teil der Natur! Damit ist er genauso ahnungslos wie die „[l]eibeigenen Eichkätzchen“, die nichts von den schussbereiten Förstern wissen, und beutet sich genauso aus wie die Schriftsteller, die hyperromantisch die entfremdete Natur beäugen, obwohl das Honorar wieder einmal unmenschlich gewesen ist …
Was der österreichische Journalist und Schriftsteller hier mit mehrfachem Augenzwinkern und schiefem Grinsen beschreibt, war vor 100 Jahren ein wichtiges (Jugend-)Thema. Man wollte raus aus den großen Städten und die allzu stehkragensteife Bürgerlichkeit abstreifen. Nachdem sich die „Wandervögel“ noch im alten Kaiserreich gebildet hatten, gab es in der ersten Demokratie Deutschlands eine sehr aktive Lebensreformbewegung, die für Naturheilkunde und Freikörperkultur eintrat (auch Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke gehörten dazu!). Ihre Anhänger ernährten sich vegetarisch, verzichteten auf Alkohol und Nikotin, standen für ökologische Selbstversorgung und wollten das Schulsystem erneuern, weg von den Pauk- und Drillanstalten!
Auch die „Bündische Jugend“, die sich um 1924 aus den Wandervögeln und den Pfadfindern entwickelte, vertrat ähnliche Ideale. Es gibt Fotos, auf denen Jugendliche (die oft ihre Väter im Ersten Weltkrieg verloren hatten) gemeinsam wanderten und dabei auf einer Zupfgeige musizierten, wie Tiger und Bär in einem Janosch-Buch …
Nur leider – diese Jugendgruppen hingen oftmals völkisch-nationalen Ideologien an, man hielt Sonnwendfeiern, in Anlehnung an die germanischen Ahnen, war strikt gegen Demokratie, dafür für Antisemitismus, Führerkult und Rasselehren. Mit Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten gingen diese ganzen Gruppierungen (die den Nazis nicht radikal genug waren!) in der „Hitlerjugend“ auf – wie das eben so ist in einer Diktatur, die sich immer mehr zuspitzt und am Anfang lächelnd und umarmend daherkommt, äußerst volksnah und manchmal sogar: naturverbunden.
Was hat das alles mit uns zu tun?
Die heutigen Rechtspopulisten und Rechtsextremen haben ein höchst widersprüchliches Verhältnis zur Natur – vielleicht ähnlich, wie es Joseph Roth in seinem Gedicht kritisiert. Sie leugnen den menschengemachten Klimawandel, sind aber konsequent für Naturschutz. Deshalb wird zum Beispiel von „Windmühlen der Schande“ gesprochen – die Klimakrise als Kulturkampf!
Noch problematischer wird es beim Begriff: „Invasive Arten“. Im rechtsradikalen Milieu wird er mit Migration gleichgesetzt. Es geht um die deutsche Heimat, die gerettet werden müsse vor fremden Einflüssen. Das erinnert stark an den Sozialdarwinismus von Adolf Hitler, der die neutrale Evolutionslehre von Darwin schulterzuckend und pseudowissenschaftlich auf den Menschen übertragen hat.
Noch eine Sache ist mir wichtig! Denn manchmal habe ich schon gehört, dass es doch kein Problem sei, bei gemeinsamen Zielen gemeinsam zu demonstrieren. Normalerweise würde ich dem zustimmen. Wir haben es als Gesellschaft verlernt, andere Meinungen auszuhalten. Nur – Rechtsextremismus ist keine Meinung! Und Rechtsradikale spielen auch nie nach demokratischen Spielregeln. Sie übernehmen das Spiel und geben irgendwann ihre eigenen (Blut-und-Boden-)Regeln vor.
Was geschah mit Joseph Roth?
Der Österreicher Joseph Roth war vieles in seinem Leben: Zunächst Pazifist, als der Erste Weltkrieg ausbrach, dann Patriot, als er sich 1916 als Einjährig-Freiwilliger zum Militärdienst meldete, dann Sozialist, als er glänzend geschriebene sozialkritische Reportagen für wichtige Zeitungen verfasste, dann Monarchist, als das Habsburgerreich längst zusammengebrochen war, und ein früher und entschiedener Antifaschist. Kein Wunder, dass es bei seiner Beerdigung beinahe zu Handgreiflichkeiten kam, weil Vertreter all dieser Denkrichtungen zugegen waren …
Die galizische Herkunft aus dem kleinen Schtetl Brody (heute Ukraine) verschleierte Joseph Roth oft – aus Angst vor Stereotypen und Vorurteilen. Auch die schwere psychische Erkrankung seines Vaters versuchte er zu vertuschen und gab sich als außerehelicher Sohn eines Offiziers, eines Grafen oder eines Munitionsfabrikanten aus.
1913 legte der spätere Meisterschriftsteller eine herausragend gute Matura ab, studierte Germanistik in Lemberg und Wien und konnte sich noch während des Krieges in der österreichischen Hauptstadt einen Namen machen. Er gab sich als Dandy (oder „Gigerl“, wie die Österreicher sagen), trug einen teuren Anzug und hatte stets Stock und Monokel dabei; seine Kollegen waren Alfred Polgar und Egon Erwin Kisch.
Ab 1920 war Roth in Berlin ein Starjournalist mit Stargage. Zwei Jahre später heiratete er Friederike „Friedl“ Reichler, die 1926 an Schizophrenie erkrankte. Roth, der längst auch Romane schrieb, gab sich eine Mitschuld – aufgrund seiner vielen Reportagereisen und seiner krankhaften Eifersucht – und verfiel dem Alkohol. 1940, nach mehreren Aufenthalten in Psychiatrien wurde Friederike Reichler in einer Gaskammer der NS-Tötungsanstalt Hartheim von einem SS-Arzt ermordet.
1933, am Tag der Ernennung von Hitler zum Reichskanzler, verließ der herausragende Stilist, der immer wieder Geldsorgen und Lebenskrisen geplagt war, das Deutsche Reich. Sehr hellsichtig äußerte er sich in einen Brief an den Bestsellerautor und Freund Stefan Zweig: „Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen.“
Roth, der bis 1935 sage und schreibe 1.500 Artikel schreiben und sogar im Exil noch Bücher herausbringen sollte, flüchtete nach Frankreich, Österreich, in die Niederlande, nach Belgien und Polen, hatte eine zweijährige Beziehung mit Irmgard Keun – und starb mit 44 Jahren in einem Armenkrankenhaus in Paris am 27. Mai 1939 an einer doppelseitigen Lungenentzündung (und an abruptem Alkoholentzug). Zuvor schrieb er noch als Schwerstalkoholiker in seinem Stammcafé die „Legende vom Heiligen Trinker“, die er „mein Testament“ nannte.
Heute gilt Joseph Roth als einer der größten deutschsprachigen Erzähler, allen voran wegen seines Drei-Generationen-Romans „Radetzkymarsch“, doch auch sein „Natur“-Gedicht, das sich gegen die Kommerzialisierung des Alltags wendet, mag ich sehr!
Bibliografische Angaben
Erstveröffentlichung in: Lachen links. Das republikanische Witzblatt, darin: Unterhaltungsbeilage (Berlin), 1. Jahrgang, Nr. 4, 1. Februar 1924
Zuletzt
Ab heute wird „Natur“ bis zum 23. September in der Divi-Blasii-Kirche auf einem großen Plakat am Johann-Sebastian-Bach-Platz 36 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.