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Liebe Freundinnen und Freunde der Lyrischen Post,

nach einer Zustimmung von 44 Prozent für eine gesichert (!) rechtsextreme (!!) Partei könnte man den Kopf in den Sand von Sachsen-Anhalt stecken. Aber so weit sind wir noch nicht – zumal es auch darum geht, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen und sich immer für eine gute menschenwürdige Sache einzusetzen.

Deshalb – wie immer – einige Rückmeldungen zu den vorherigen Ausgaben.

»Die Ansprache von Ringelnatz vor dem Wilberforce-Monument kannte ich seltsamerweise bisher noch gar nicht, aber bei dieser Verzweiflung bleibt einem das Lachen im Hals stecken! Vieles ist nur angedeutet und trotzdem glasklar, was Ringelnatz damit meint, wirklich erschütternd! Die Rolle von Schriftstellern in der Gesellschaft ist außerordentlich wichtig, weil sie – neben der literarischen Unterhaltung – in ganz unterschiedlicher Art und Weise auch auf Schwachstellen in Politik und Gesellschaft aufmerksam machen.« (Ingrid Hofmann)

Dazu passt auch eine Rückmeldung von Gisela Kober, die den Reclam-Band »Not am Mann« empfiehlt. Im Klappentext heißt es: »Was passiert, wenn eine Gesellschaft aufhört, Männern Geschichten zu erzählen, in denen sie sich wiederfinden können? Das Buch analysiert mit Schärfe und Empathie, wie Popkultur, Politik und Medien ein Vakuum hinterlassen haben, das rechte Influencer, toxische Männerforen und autoritäre Rollenvorbilder wie Trump oder Musk füllen. Zwischen Kinoleinwand und Kommentarspalten, zwischen #MeToo und der AfD wird deutlich: Wer über Männlichkeit nicht spricht, überlässt das Feld denen, die sie am liebsten in Machtfantasien und Frauenhass konservieren möchten.«

Zuletzt soll Barbara M. zu Wort kommen: »Dein Projekt tut ganz viel für meine Horizont-Erweiterung: Einbettung in die politische Zeit und literarische Informationen. Ich bin froh auf deine ›lyrische Post‹ seinerzeit gestoßen zu sein!«

Mit Leserinnen und Lesern wie Ihnen ist das alles ein Vergnügen – trotz oder gerade wegen der jüngsten Ereignisse.

Heute meldet sich aus dem Jahr 1927 ein Autor, den ich gar nicht so gut kannte: Klabund!

Viel Vergnügen und noch mehr Erkenntnisse
Ihr Matthias Kröner

Klabund
Pogrom

Am Sonntag fällt ein kleines Wort im Dom,
Am Montag rollt es wachsend durch die Gasse,
Am Dienstag spricht man schon vom Rassenhasse,
Am Mittwoch rauscht und raschelt es: Pogrom!

Am Donnerstag weiß man es ganz bestimmt:
Die Juden sind an Rußlands Elend schuldig!
Wir waren nur bis dato zu geduldig.
(Worauf man einige Schlucke Wodka nimmt …)

Der Freitag bringt die rituelle Leiche,
Man stößt den Juden Flüche in die Rippen
Mit festen Messern, daß sie rückwärts kippen.
Die Frauen wirft man in diverse Teiche.

Am Samstag liest man in der „guten“ Presse:
Die kleine Rauferei sei schon behoben,
Man müsse Gott und die Regierung loben …
(Denn andernfalls kriegt man eins in die Fresse.)

 

Worum geht’s?

Für mich ist diese vierstrophige Anklage des während der Weimarer Republik sehr populären Klabund eine bewusst ins Pervertierte gedrehte Antwort auf den Arme-Leute-Reim „Am Montag fängt die Woche an“. Während dort das entbehrungsreiche Leben der Arbeiter in volkstümlich-galgenhumoriger Weise beschrieben wird, geht Klabund einen guten Schritt weiter! Anders gesagt: Das Lachen bleibt einem heftigst im Halse stecken.
Der umarmende – oder nennen wir ihn „umklammernde“ – Reim, sorgt dafür, dass man sich beim Lesen geradezu gefangen und unwohl fühlt.
Aus einer kleinen Andeutung wird ein Gerücht, das sich zur eingeredeten „Wahrheit“ aufschwingt (Strophe 1 und 2), dem selbstverständlich eine drastische Vergeltung folgen muss (Strophe 3), die der Verdrängung und der Vertuschung bedarf (Strophe 4). So funktioniert ein staatlich geduldeter, wenn nicht gar angezettelter und immer gewaltsamer Übergriff auf eine religiöse oder ethnische Minderheit. Das Wort selbst („Pogrom“) stammt aus dem Russischen und bedeutet „Verwüstung“ oder „Zerstörung“.
Damals lebten rund 600.000 Juden in Deutschland, ein Drittel davon in Berlin. Besonders der fremdländisch aussehende „Ostjude“ wurde schon in der Frühphase der ersten Demokratie Deutschlands zum Sündenbock auserkoren. Er galt als „Kriegsgewinnler“ und „Drückeberger“, was besonders perfide gewesen ist, da prozentual genauso viele jüdisch wie christlich geprägte Deutsche am Ersten Weltkrieg teilnahmen; 12.000 jüdische Männer starben.
Besonders Ärzte, Anwälte und Kleinhändler pflegten einen stark ausgeprägten Antisemitismus. Wieso das? Da es den Juden im Mittelalter verboten war, als Handwerker oder Kaufleute zu arbeiten – und sie keinen Grundbesitz haben durften –, konnten sie oftmals nur Ärzte, Anwälte oder Kleinhändler werden (und blieben es über Generationen hinweg).
Der durch rechtsextreme Hetzschriften wie „Auf gut deutsch“ (ab 1918) oder „Der Stürmer“ (ab 1923) in viele Bevölkerungsschichten gespülte Hass auf Jüdinnen und Juden gipfelte in der Ermordung des jüdischen Außenministers Walther Rathenau – und schließlich in einem maschinell-industriellen Holocaust während des Nationalsozialismus, dem 6 Millionen Menschen zum Opfer fielen.
Allerdings darf man es sich nicht zu einfach machen! Es gab auch in den konservativen, bürgerlichen und sogar liberalen Medien eine unterschwellige Judenfeindlichkeit, die als gegeben und „wahr“ hingenommen wurde – und zu einem Pogrom führte, im Berliner Scheunenviertel am 5. November 1923, bei dem die Schutzpolizei stundenlang zusah … Auch davon handelt dieses starke Gedicht von Klabund.

Was hat das alles mit uns zu tun?

Heute gibt es wieder einen emotional aufgeladenen Fremdenhass. Laut der „Autoritarismusstudie 2024“ der Universität Leipzig glaubt fast ein Drittel der Westdeutschen, dass Deutschland „überfremdet“ sei, bei den Ostdeutschen sind es sogar 44,3 Prozent. Diese Zahlen erschrecken und erinnern an das in der Weimarer Republik gebräuchliche und immer abwertend gemeinte Adjektiv „verjudet“.
Außerdem spricht sich nur noch jeder Dritte in Ostdeutschland für die Demokratie aus, in Westdeutschland sind es nur noch 46 Prozent, fast 13 Prozent weniger als 2022. Die Demokratie als Idee finden immer noch neun von zehn Menschen gut. Doch viele sehen sie in Deutschland nicht mehr umgesetzt.
Das alles ist stark besorgniserregend und erklärt, weshalb populistische Ideen der „Remigration“ und rassistische Worte wie „passdeutsch“ oder „biodeutsch“ derart verfangen. 
Die Frage ist, wie wir alle wieder zusammenfinden! Ich glaube, diese Aufgabe kann nur gelingen, wenn wir aufhören, Menschen als Menschengruppen zu sehen. Es gibt immer nur das Individuum, der Mensch, der dir gerade gegenübersteht.

Was geschah mit Klabund?

Klabund, der mit bürgerlichen Namen Alfred Henschke hieß, kennt man heute nur noch, wenn man Literatur studiert hat. Ein Fehler! Und sogar ein bisschen erstaunlich: Klabund schrieb 76 (!) Bücher in 16 Jahren. Dabei liebäugelte er mit dem Naturalismus, der Neoromantik, dem Expressionismus, dem Dadaismus und der Neuen Sachlichkeit und verfasste Gedichtbände, Romane, Theaterstücke, Erzählungen sowie populäre Sachbücher (z. B. „Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde“, 1922).
Kurzum: Der Apothekersohn aus dem heute polnischen Crossen, der sich auf einer Wanderung im Riesengebirge als 16-Jähriger nach einer verschleppten Erkältung mit Tuberkulose ansteckte, hatte wenig Zeit und verstarb tatsächlich mit 37 Jahren in Davos; Gottfried Benn hielt seine Grabrede.
Seit den 1910er-Jahren trat der Mann mit dem sehr schönen Pseudonym – Klabund ist eine Mischung aus „Klabautermann“ und „Vagabund“ – vielfach als Kabarettist und Liedermacher mit Gitarre auf. Dabei schlüpfte „Fredi“ (wie ihn seine Freunde nannten) in viele Rollen: Er beherrschte zärtliche Liebeschansons wie Biertischzoten, war Naturschwärmer und Provokateur – und wurde sogar von einem Berliner Staatsanwalt wegen Gotteslästerung verklagt. Das sorgte für Klabunds Durchbruch!
Wie viele Schriftsteller seiner Generation – darunter selbst Rilke und Ringelnatz – begrüßte er den Ersten Weltkrieg zunächst euphorisch und schrieb sogar Hasslyrik. Auf einem Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz wandte sich Klabund dem Pazifismus zu, dank seiner späteren Ehefrau Brunhilde Heberle. Daraufhin verfasste er 1917 einen offenen Brief an Kaiser Wilhelm II., der zu Klabunds kurzzeitiger Festnahme führte: Er schlage dem Monarchen vor, den Krieg zu beenden, selbst abzudanken und Deutschland zu demokratisieren …
Zuletzt eine Sache, die irritiert: 2007 kam heraus, dass Klabund zeitgleich als Verbindungsmann für den Nachrichtendienst des Kaiserreichs tätig war! Wie auch immer man diese Doppelexistenz bewerten mag, Alfred Henschke zeigt sich als zutiefst widersprüchlicher Mensch und steht damit beispielhaft für eine ganze Epoche.

 

Bibliografische Angaben

Erstveröffentlichung in: Klabund, Die Harfenjule. Neue Zeit- Streit- und Leidgedichte, Verlag Die Schmiede, Berlin, 1927

 

Zuletzt

Ab heute wird „Pogrom“ bis zum 23. September im Bürgerbüro Foyer Brotlaube auf einem großen Plakat am Obermarkt 21 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.


Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Förderverein „Geschwister-Scholl-Haus“ E.V. und der Stadt Mühlhausen.
Es wird unterstützt durch die lokale Partnerschaft für Demokratie UHK, dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend mit ihrem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sowie dem Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familien mit ihrem Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk bunt“.

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