Erich Kästner
Sachliche Romanze
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Worum geht’s?
Ganz klar, Erich Kästner hat dieses Gedicht auf eine Frau verfasst, auf eine verflossene Liebschaft, von denen er viele hatte! In diesem Fall handelte es sich allerdings um Ilse Julius, die vielleicht einzige ganz große Liebe in seinem Leben.
Kästner lernte die spätere Diplomingenieurin und Abteilungsleiterin eines Chemiewerks als frischgebackener Abiturient (mit Auszeichnung und Stipendium in der Tasche) im Sommer 1919 kennen – und verließ sie 1926, „als sie einander [fast] acht Jahre kannten“.
Soweit zur Biografie dahinter! Doch wie das immer so ist bei guter Literatur: Man kann dieses Gedicht auch ganz anders lesen … Die „Sachliche Romanze“ sagt auch etwas über die Zeit aus, in der sie entstanden ist: über die erste Demokratie Deutschlands, die Weimarer Republik.
1926, als dieses Gedicht möglicherweise geschrieben wurde, war die noch junge Staatsform ebenfalls acht Jahre lang Wirklichkeit. Nicht wenige empfanden diese Epoche wie eine Vernunftehe – nach dem verschwundenen Kaiserreich, dem die damals Mächtigen mächtig nachtrauerten. Doch auch die Arbeiter und selbst die Mittelschicht fühlten sich über den Tisch gezogen. 1923 verloren Millionen Deutsche ihre gesamten Ersparnisse. Kein Wunder, auf dem Höhepunkt der Hyperinflation kostete ein Frühstücksei sage und schreibe 320 Milliarden Mark! Drei Jahre später gab es immer noch 2,2 Millionen Arbeitslose, jeder zehnte Haushalt lebte in Untermiete, etwa 500.000 Menschen mussten in Eisenbahnwaggons, ungenutzten Kasernen ober schäbigen Baracken schlafen.
Das alles war erstklassiger Zündstoff für die Kaisertreuen und Kommunisten, für die meisten Konservativen und alle Rechtsextremen, die die Demokratie am liebsten sofort wieder abschaffen wollten. Selbst Thomas Mann (der ein sehr früher Gegner der Nationalsozialisten gewesen ist!) bekannte sich nur zähneknirschend zu einem „Vernunftrepublikaner“: zu einer, wenn man so will, sachlichen Romanze mit dieser neuen und krisengeschüttelten Regierungsform, die 1929 mit dem Börsencrash an der Wall Street und der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise ihrem sicheren Untergang entgegentaumelte …
Was hat das alles mit uns zu tun?
Nun ja, es kommt mir heute so vor, als würden viele unsere gelebte und fast achtzigjährige (nicht achtjährige!) Demokratie als veraltet abtun, als langweilig, als überholt.
Doch im Vergleich zu damals haben wir eine stabile Verfassung, müssen keine Reparationszahlungen nach einem Weltkrieg leisten, kämpfen mit einer schwächelnden, aber nicht derart verheerenden Wirtschaft und können uns im Regelfall unsere Frühstückeier leisten. Trotzdem gibt es eine Zustimmung von 28 Prozent für diejenigen, die das Blaue vom Himmel herunterlügen. Warum?
Können wir es schaffen, die Traurigkeit und die Fassungslosigkeit, die Kästner in diesem Café beschreibt, wieder zu einer leidenschaftlichen Romanze oder zumindest zu einer aufregenden Affäre zu machen? Dann wäre vermutlich schon viel gewonnen …
Was geschah mit Kästner?
Bereits 1933 wurde seine sachliche Romanze zu einer überaus bitteren. Da der erfolgreiche Lyriker und noch erfolgreichere Kinderbuchautor (sein „Emil“ hat sich noch in der Nazizeit mehr als 100.000-mal verkauft!) nicht emigrierte – vermutlich, weil er seine Mutter nicht zurücklassen oder ins Ausland mitnehmen wollte –, musste Kästner zusehen, wie seine Bücher am 10. Mai auf dem Opernplatz in Berlin (heute Bebelplatz) von der nationalsozialistisch gesinnten Studentenschaft verbrannt wurden. Dabei wurde er sogar erkannt, doch nicht körperlich angegangen. Luiselotte Enderle, mit der der Schriftsteller eine jahrzehntelange On-Off-Beziehung geführt hat, erzählte 2013 dem SPIEGEL: „Er hat sich hinterher Vorwürfe gemacht, dass er nicht in Richtung der Zündler geschrieen hat, was das doch alles für eine unglaubliche Schweinerei ist. Aber er konnte nun mal kein Märtyrer sein. Da ist er dann leise gegangen. Ganz nass.“
Ein halbes Jahr zuvor, am 30. Januar 1933, hatten die Nationalsozialisten die Macht übernommen, und der ersten echten Demokratie Deutschlands den Stecker gezogen. Zwölf Jahre lang durfte Kästner nur unter Pseudonym veröffentlichen, seine Konten waren gesperrt, er musste mehrfach zu Verhören in die Gestapo-Zentrale und wurde während dieser Zeit wohl Alkoholiker.
Am 25. Jahrestag der Bücherverbrennung hielt Kästner in Hamburg eine wichtige Rede. Zum Ende hin sagt er: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät.“ 1928 veröffentlichte Kästner seine „Sachliche Romanze“ das erste Mal.
Bibliografische Angaben
Das Gedicht stammt aus: Erich Kästner, Lärm im Spiegel (1929, C. Weller & Co., Leipzig/Wien), Atrium Verlag AG, Zürich, 2017
Erstveröffentlichung in: Vossische Zeitung, darin: Das Unterhaltungsblatt (Berlin), Nr. 187 (Morgen-Ausgabe), 20. April 1928
Die Nutzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags: www.w1-verlage.de/atrium-verlag
Zuletzt
Ab heute wird die „Sachliche Romanze“ bis zum 23. September im Mehrgenerationenhaus „Geschwister-Scholl“ auf einem großen Plakat in der Puschkinstraße 8 in Mühlhausen zu lesen sein.
Schulklassen werden sich mit dem Gedicht und damit befassen, was es uns heute – nach 100 Jahren – noch zu sagen hat.